Anti-Antifa

Gewalt gegen Andersdenkende ist ein traditionelles Aktionsfeld der extremen Rechten. Politische Gegnerinnen und Gegner sollen eingeschüchtert und zum Schweigen gebracht werden. Auch in Berlin attackieren Neonazis immer wieder Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus und für eine offene Gesellschaft einsetzen.

 

9. November 2011, Anton-Schmaus-Haus, Neukölln: Brand­anschlag auf das Anton-Schmaus-Haus

Im Juni und November 2011 verüben Unbekannte zwei Brandan­schläge auf das ­Anton-Schmaus-Haus im Neuköllner Ortsteil Britz. Das Haus ist ein offener Treffpunkt für Kinder und Jugendliche. Es gehört der linken Jugend­organisation Die Falken.

Vor dem ersten Anschlag veröffentlicht das militante Neonazi-­Netzwerk Nationaler­ Widerstand Berlin eine „Feindesliste“ im Internet. Darin ist auch das Anton-Schmaus-Haus aufgeführt. Seit den 1980er-­Jahren sind neonazistische Skinhead-Gruppen besonders ­im südlichen Neukölln aktiv. Gezielt bedrohen sie politische Geg­nerinnen und Gegner. Wegen ihrer antifaschistischen Arbeit geraten auch die Falken immer wieder ins Visier der Rechten. [Hintergrundartikel Brandanschlag auf das Anton-Schmaus-Haus]

Nicht nur in Neukölln, sondern auch in anderen Bezirken greifen extrem Rechte politisch Andersdenkende an. Allein seit 2016 werden mehr als 50 solcher Taten gezählt: Von Graffitis über Stein- und Flaschenwürfe bis hin zu Brandanschlägen. Sie richten sich gegen Menschen, die sich für Geflüchtete einsetzen und sich gegen Neonazismus, Rassismus und Antisemitismus engagieren. Die Betroffenen fühlen sich in ihrem Alltagsleben akut bedroht. Dass die Täterinnen und Täter fast nie gefasst werden, ist für sie unerträglich.

Als Antwort auf die rechte Angriffsserie schließen sich zivilgesellschaftliche Initiativen und antifaschistische Gruppen in lokalen Bündnissen zusammen. Sie unterstützen die Opfer rechter Gewalt, informieren über extrem rechte Aktivitäten und recherchieren die dahinter stehenden Strukturen.

Die Betroffenen fordern Ende 2018 in einem offenen Brief, dass die aktuelle Anschlagsserie in Neukölln als rechter Terror eingestuft und die Ermittlungen durch die Bundesanwaltschaft übernommen werden.

Auch nach den Brandanschlägen hören die rechten Attacken auf das Anton-Schmaus-Haus nicht auf. Im Oktober 2012 sprühen Unbekannte „Ihr interessiert uns brennend“ auf den neuen Sicherheitszaun. Ein paar Meter weiter prangen Hakenkreuze und Codes der Neonazi-Szene: „NW-Berlin.net“ verweist auf die Webseite des Natio­nalen Widerstands Berlin. Mit „Anti-Antifa“ wird der Kampf gegen den politische Gegnerinnen und Gegner bezeichnet. | Foto: Theo Schneider

 

Interview mit Mirjam Blumenthal (August 2018)

Mirjam Blumenthal ist Gruppenleiterin bei den Neuköllner Falken und Fraktionsvorsitzende der SPD-Neukölln in der Bezirksverordnetenversammlung.

 

Neonazis und Gegenwehr in Neukölln in den 1980er-Jahren, 04:35 Minuten

 

Erster Brandanschlag auf das Anton-Schmaus-Haus in der Nacht zum 27. Juni 2011, 03:05 Minuten

 

Solidarität und zweiter Brandanschlag am 9. November 2011, 02:01 Minuten

 

NSU und Neuköllner Bündnisse und Initiativen gegen Rechts, 02:28 Minuten

 

Glossar

Die Sozialistische Jugend Deutschlands – Die Falken ist ein politischer Kinder- und Jugendverband. Der Verband existiert seit über 100 Jahren und steht in der Tradition der Arbeiterjugendbewegung. Im Nationalsozialismus wird er verboten. Viele Mitglieder werden verfolgt und verhaftet, einzelne engagieren sich im Widerstand.

Anton-Schmaus-Haus: Das Haus der Falken ist nach dem Köpenicker Sozialdemokraten Anton Schmaus (1910–1934) benannt. Als Nazi-­Gegner soll er 1933 verhaftet werden. Schmaus wehrt sich und flieht. Dabei erschießt er drei SA-Leute. Später stellt er sich der Polizei. Wenige Monate später stirbt er an den Folgen der Misshandlungen durch die SA.

Anti-Antifa: Unter dem Schlagwort „Anti-Antifa“ sammeln extrem rechte Gruppen seit den 1990er-Jahren systematisch Daten vermeintlicher oder tatsächlicher politischer Gegnerinnen und Gegner. Diese sollen durch die Veröffentlichung eingeschüchtert und bedroht werden.

Das Neonazi-Netzwerk „Nationaler Widerstand Berlin“ („NW Berlin“) war etwa seit 2005 aktiv. Es koordinierte Kampagnen, veranstaltete Schulungen und organisierte Kundgebungen. Bis 2012 betrieb es außerdem die Webseite NW-Berlin.net. Dort wurden Namen, Fotos und Adressen politischer Gegnerinnen und Gegner veröffentlicht. Mehrfach tauchte im Zusammenhang mit neonazistischen Anschlägen das Kürzel „NW“ auf.

Nationalsozialistischer Untergrund (NSU): Das rechtsterroristische Netzwerk ermordet zwischen 2000 und 2007 zehn Menschen, verübt Sprengstoffanschläge und Banküberfälle. Über viele Jahre kann der NSU bundesweit auf Unterstützung bauen. Der NSU agiert nach dem Konzept des „führerlosen Widerstands“.

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