20. September 2016Eugeniu Botnari verstirbt nach Misshandlung durch einen Supermarktleiter

Foto: Kilian Behrens / apabiz

Am 20. September 2016 verstirbt Eugeniu Botnari an einer Hirnblutung, wenige Tage nachdem ein Supermarktleiter ihn in Berlin-Lichtenberg misshandelt hatte.

Am 17. September 2016 wird Eugeniu Botnari vom Leiter einer Edeka-Filiale am Bahnhof Berlin-Lichtenberg des Ladendiebstahls bezichtigt. Botnari wollte wohl seiner Cousine ein Geschenk mitbringen. Anstatt eine Anzeige zu erstatten, führt Filialleiter André S. Eugeniu Botnari in den hinteren Teil des Getränkelagers und schlägt ihm dort mit Quarzsandhandschuhen ins Gesicht. Videoaufnahmen der Tat versendet er mit verhöhnenden Kommentaren an seine Mitarbeitenden. Nach der Gewalttat wirft André S. Eugeniu Botnari aus dem Laden. Dieser erzählt seinen Angehörigen noch am selben Tag von der Gewalttat, er sei geschlagen worden „wie ein Hund“ und markiert so die entmenschlichende Komponente der Gewalt. Zwischen der Tat und seinem Todestag muss er brutale Schmerzen ausgehalten haben. Seine Angehörigen drängen ihn, sich sofort ärztlich versorgen zu lassen. Ohne Krankenversicherung befürchtet Eugeniu Botnari jedoch die hohen Kosten einer ärztlichen Behandlung und zögert. Als er schließlich doch eine Arztpraxis aufsucht, wird er unverzüglich in ein Unfallkrankenhaus überstellt, wo er am 20. September 2016 an den Folgen eines Schädel-Hirn-Traumas verstirbt.

Eugeniu Botnari war seit 2015 in Deutschland. Aus Moldawien kommend fand er keine feste Beschäftigung und lebte unter prekären Bedingungen in Berlin. Hier kam er, erst kurz vor der Tat wohnungslos geworden, bei Freund*innen und Bekannten unter. Viel ist leider nicht über Eugeniu Botnari bekannt. Seine Frau begleitete den Gerichtsprozess gegen den Filialleiter als Nebenklägerin.

Aufarbeitung und Individualisierung – kein Einzelfall

Das Gericht wertete den dokumentierten Schlag als „mitursächlich“ für den Tod und verurteilte den Filialleiter zu drei Jahren und drei Monaten Freiheitsstrafe. Die rassistische und sozialdarwinistische Motivlage wurde laut Beobachter*innen im Gerichtsverfahren zwar sehr deutlich, allerdings wurde die Tat durch den vorsitzenden Richter individualisiert. Die Verhöhnung des Opfers und das Versenden des Tatvideos legen nahe, dass der Filialleiter in seinem Umfeld einen Resonanzraum vorfand, der rassistische und sozialdarwinistische Gewalt befürwortete.

Sabine Seyb von der Opferberatungsstelle ReachOut, die den Prozess dokumentierte, schrieb dazu vor einigen Jahren auf diesem Blog:

„So benutzte der Filialleiter laut Zeug_innenaussagen seine Quarzsandhandschuhe regelmäßig gegen ,Diebe’, jedoch nur gegen jene, die er als ,Ausländer’ erkannte. Diese waren meistens obdachlos. Es war die Regel, sie in einen Lagerraum zu bringen, dort zu schlagen und dies zu filmen. Fast alle Zeug_innen haben die Brutalität gegen Eugeniu B. bestätigt.“

Dass die Tat kein Einzelfall war, zeigt sich auch an den nachfolgenden Verurteilungen von drei weiteren Supermarkt-Mitarbeitenden aus den Filialen Lichtenberg und Südkreuz zu 12 bis 22 Monaten Haft auf Bewährung wegen ähnlicher Gewalttaten. Auch hier hatten rassistische und sozialdarwinistische Motive eine Rolle gespielt.

Wohnungslose haben keine Lobby

Gewalt gegen wohnungslose Menschen wird oft weder gesellschaftlich noch juristisch geahndet. Die Betroffenen zeigen die Taten häufig nicht an, da sie staatliche Repressionen fürchten oder dass ihren Aussagen nicht geglaubt wird. Rassismus und sozialdarwinistische Einstellungen erschweren eine Unterstützung der Betroffenen. Diese haben zudem schlechten bis keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung und Rechtsmitteln – die vorhandenen niedrigschwelligen Hilfen reichen kaum aus. Gewalt gegen randständige Personen ist dabei weit verbreitet. Dass sie auch ein elementarer Bestandteil extrem rechten Denkens ist, wird oftmals nicht erkannt oder gar geleugnet.

Die gesellschaftliche Abwertung von Wohnungslosen spiegelt sich auch in der Presseberichterstattung über Eugeniu Botnari wieder. Journalist*innen reproduzierten entwürdigende Aufnahmen der Polizei, in mehreren Presseartikeln wurde die Perspektive des Täters in den Fokus gestellt. Nur geringfügig wurde die Gewalt skandalisiert, mitunter wurde der Name Botnaris falsch wiedergegeben. Auf diese Weise werden Opfer rechter Gewalttaten ein erneutes Mal diskriminiert, auch für Angehörige kann dies traumatisierende Folgen haben. Eugeniu Botnari ist bisher nicht als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt, der Fall erfüllt nicht so recht die Kriterien.

„Der Tod von Eugeniu B. hätte die öffentliche Verurteilung und entschiedene Proteste gegen solche rassistischen und sozialdarwinistischen Taten zur Folge haben müssen. Aber sowohl die Justiz als auch die Medien beharren auf einer Individualisierung der Tatmotive und leugnen den gesellschaftlichen Zusammenhang und ihre Akzeptanz. Einmal mehr zeigt sich, dass Wohnungslose keine Lobby haben.“ – Seyb

Aktives Gedenken lokaler Initiativen

Seit 2018 engagiert sich eine lokale Initiative für ein aktives Gedenken an Eugeniu Botnari in Lichtenberg. Nicht nur eine Gedenkbroschüre ist so entstanden, sondern auch konkrete Forderungen. Die Aktivist*innen haben mehrere Gedenkveranstaltungen im öffentlichen Raum durchgeführt und fordern die Umbenennung des bisher namenlosen Bahnhofvorplatzes nach dem Verstorbenen. Im Oktober 2020 brachte die Fraktion DIE LINKE einen entsprechenden Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein, der jedoch keine Mehrheit fand. Vielmehr wurde das Bezirksamt beauftragt Ideen zu entwickeln, um „auf dem Vorplatz vom Bahnhof Lichtenberg an die rassistisch motivierten Taten zu erinnern, welche den Tod von Eugeniu Botnari zur Folge hatten“. Seitdem sind keine bezirklichen Bemühungen in der Frage mehr zu erkennen.

 

Auch in diesem Jahr wird eine Gedenkveranstaltung stattfinden: Am 20. September ab 15 Uhr auf dem Bahnhofsvorplatz in Lichtenberg.

    Der Berlin-Blog vom
    Kontakt

    mail@apabiz.de   [PGP-Key]

    Berlin rechtsaußen
    c/o apabiz e.V.
    Lausitzerstr. 10
    10999 berlin

    Piwik