06. Oktober 1999Kurt Schneider wird von vier Neonazis in Lichtenberg ausgeraubt und ermordet

Kurt Schneider wird von vier Neonazis in Lichtenberg ausgeraubt und ermordet

Gedenken an Kurt Schneider anlässlich dessen 20. Todestages im Oktober 2019. | Foto: Kilian Behrens / apabiz

Kurt Schneider wird von vier Neonazis in Lichtenberg ausgeraubt und ermordet

Gedenken an Kurt Schneider anlässlich dessen 20. Todestages im Oktober 2019. | Foto: Kilian Behrens / apabiz

Kurt Schneider wird von vier Neonazis in Lichtenberg ausgeraubt und ermordet

Gedenken an Kurt Schneider anlässlich dessen 20. Todestages im Oktober 2019. | Foto: Kilian Behrens / apabiz

Kurt Schneider wird von vier Neonazis in Lichtenberg ausgeraubt und ermordet

Gedenkbroschüre für Kurt Schneider. Diese wurde im September 2020 vom Redaktionskollektiv "Aktives Gedenken in Lichtenberg" herausgegeben.

In der Nacht vom 5. auf den 6. Oktober 1999 wurde der gelernte Maurer Kurt Schneider von einer vierköpfigen Gruppe Neonazis in einer Grünanlage in Lichtenberg brutal ausgeraubt, malträtiert und ermordet.

Kurt Schneider wurde 1961 in Königs Wusterhausen geboren. Bis 1994 lebte er mit seiner Mutter in einer Kleinstadt in Brandenburg und war einige Zeit lang in seinem Beruf als Maurer tätig. Anschließend zog er nach Berlin. Der herzkranke Schneider bezog Sozialhilfe und war erst vor kurzem nach Lichtenberg gezogen als Michael V., Manuel S., Carsten U. und Björn O. ihn wegen eines harmlosen Grußes ins Visier nahmen.

Am frühen Abend des 5. Oktober 1999 traf sich die vierköpfige Neonazi-Gruppe in der Wohnung von V. Auch dessen Verlobte war anwesend. Den Gerichtsakten zufolge brachte die Gruppe sich mit Alkohol und Rechtsrock in aggressive Stimmung, hatte „Bock auf Streit“ und sprach über später „noch anzutreffende oder aufzusuchende Personen anderer Couleur, wie etwa ‚Punks oder ähnlich ausgerichtete Jugendliche.‘“ (Zitat Urteil/ ZfA-Studie S. 141). Gegen 21:30 Uhr gingen die Männer ins nahegelegene „Café Chaplin“, das früher „Café Germania“ hieß und auch nach der Umbenennung ein Treffpunkt der extremen Rechten blieb.

Um Mitternacht zog die Gruppe in Richtung eines besetzten Hauses in der Samariterstraße. Auf dem Weg beraubten sie einen Radfahrer und schlugen einem Jugendlichen eine Bierflasche über den Kopf weil er Döner aß und „wie in Hip-Hopper“ aussah. Vor dem besetzten Haus angekommen, skandierten sie mehrfach: „Hier marschiert der nationale Widerstand.“ Als niemand reagierte, fuhren sie frustriert mit dem Nachtbus zurück nach Lichtenberg, wo sie in einer Tankstelle gegen 02:00 Uhr morgens Bier kauften. Dort begegnete ihnen Kurt Schneider. Er befand sich auf dem Nachhauseweg und rief ihnen im Vorbeigehen „Prost, Kameraden!“ zu. Die Täter interpretieren den Gruß eines scheinbar sozial Schwächeren als Provokation und demütigen ihn physisch und verbal.

Schneider versuchte, sich zurückzuziehen, doch die Täter folgten ihm, woraufhin er sich bei ihnen entschuldigte und ihnen einen „Versöhnungstrunk“ anbot. Da keine Gaststätte mehr geöffnet hatte, luden die Täter Schneider in V.s nahegelegene Wohnung ein. Auf dem Weg dorthin lockten sie ihn mit der Begründung, dass es sich um eine Abkürzung handle, in eine unbeleuchtete Grünanlage – den früheren Urnenhain. Schneider äußerte auf dem Weg noch die Befürchtung, dass man ihm doch wohl nichts tun werde. Ungefähr in der Mitte der Grünanlage schlugen die Täter ihn brutal zusammen, durchsuchten ihn und entwendeten ihm Bargeld und Tabak.

Anschließend ließen die Täter Schneider schwer verletzt am Boden liegen und zogen sich in V.s nahegelegene Wohnung zurück, wo sie sich ihrer individuellen Gewaltakte rühmten. Als V.s in der Wohnung gebliebene Verlobte Blutspritzer auf ihrer Kleidung bemerkte, begannen sie, die möglichen Folgen ihrer Tat zu diskutieren. Nach etwa 15 Minuten verließen die Täter bewaffnet mit einem Küchenmesser die Wohnung und kehrten in den Urnenhain zurück, wo sie mit Springerstiefeln auf den immer noch am Boden liegenden Schneider eintraten und ihn mit vier Messerstichen in den Hals töteten. Zurück in V.s Wohnung warfen sie das Messer aus dem Fenster und säuberten mit Hilfe von V.s Verlobten ihre Kleidung.

Aufgrund ihres auffälligen Verhaltens wurden die Täter bereits am nächsten Morgen festgenommen. Eine Zeugenaussage über „Sieg Heil“-Rufe in der Nacht sowie Blutspuren und Bierflaschen führten die Ermittler*innen zu V.s Wohnung. Die Mordwaffe fanden sie im Innenhof des Hauses. Obwohl die rechten Aktivitäten der Täter bekannt waren, ging die Polizei von Beginn an von einem Raubmord ohne politische Motivation aus.

Im Jahr 2000 wurden Michael V. und Manuel S. zu lebenslanger Haft wegen schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Mord verurteilt. Carsten U. wurde zu achteinhalb und Björn O. zu acht Jahren Haft verurteilt. Alle vier Täter waren bereits vor dem Mord an Kurt Schneider an extrem rechts motivierten Delikten wie rassistischen Beschimpfungen und Tätlichkeiten beteiligt. S. gehörte zum Umfeld der Kameradschaft Spreewacht und war nach eigenen Angaben Gründer der Berliner Kameradschaft 14/88 sowie Mitglied einer Neonaziband. Mittäter O. gab an, bei der NPD organisiert gewesen zu sein. Alle vier Neonazis bezeichneten sich als Hammerskins, wobei die Ermittler*innen dieser Behauptung nie systematisch nachgingen.

Gedenken an Kurt Schneider anlässlich dessen 20. Todestages im Oktober 2019. | Foto: Kilian Behrens / apabiz

Obwohl der rechte Kontext der Tat im Urteil sogar stärker als in der Anklageschrift thematisiert wurde (ZfA Bericht S. 146), zog das Gericht diesen nicht zur Strafbegründung heran. Demnach war die Verdeckung des Raubes das einzige Motiv für den Mord an Kurt Schneider. Der Studie „Klassifikation politisch rechter Tötungsdelikte – Berlin 1990 bis 2008“ des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin (ZfA) zufolge könnte diese juristische Konstruktion erklären, warum der Mord vom Landeskriminalamt nicht als politisch motiviert eingestuft wurde. Die Autor*innen der Studie betonen jedoch, dass das Gericht im Urteil ausführlich auf die politischen Aspekte eingegangen ist, auch wenn diese nicht zur juristischen Begründung der Strafe herangezogen wurden; die politischen Beweggründe sind also klar erkennbar.

2018 wurde Kurt Schneider im Zuge der ZfA-Studie nachträglich als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt. Ausschlaggebend für die Beurteilung war die in der extrem rechten Szene erlernte „Lust an der Gewalt“ (ZfA-Studie , S. 148). Dass die Täter den beiläufigen Gruß Schneiders als respektlos empfanden und zum Anlass nahmen, ihn zu malträtieren und schließlich zu ermorden, ist außerdem ein klarer Ausdruck von Sozialchauvinismus. Im Gegensatz zur Selbststilisierung extrem Rechter als Verteidiger sozial benachteiligter (weißer) „Deutscher“, ist Sozialchauvinismus ein zentrales Element neonazistischer Ideologie. Menschen, die keine Arbeit haben, Sozialhilfe empfangen und/oder wohnungslos sind, gelten ihnen als „asozial“ und „minderwertig.“ Hinzu komme laut der Studie ein „territoriales Dominanzverhalten“ (ZfA-Studie, S. 154). So habe die Gruppe versucht, „ihr Wohnumfeld zu kontrollieren, andere Menschen einzuschüchtern und neonazistische Werte als ,normal‘ zu etablieren.“ In diesem Zusammenhang verweist die Studie auf die starke lokale Präsenz der extremen Rechten in Lichtenberg in den 1990ern.

Gedenkbroschüre für Kurt Schneider. Diese wurde im September 2020 vom Redaktionskollektiv „Aktives Gedenken in Lichtenberg“ herausgegeben.

Anlässlich des 20. Todestages von Kurt Schneider 2019 organisierten Antifaschist*innen im Rahmen der Kampagne „Niemand ist vergessen“ eine Gedenkveranstaltung. Im September 2020 veröffentlichte das Redaktionskollektiv „Aktives Gedenken in Lichtenberg“ eine Broschüre im Gedenken an Kurt Schneider, sowie eine weitere in Gedenken an Eugeniu Botnari, der 2016 – ebenfalls in Lichtenberg – Opfer einer rechten Gewalttat wurde und an deren Folgen starb. In beiden Fällen spielt Hass aufgrund ihres sozialen Status als Tatmotiv eine wichtige Rolle. Die Autorin Anne Allex weist in der Broschüre für Schneider auf die historischen Kontinuitäten der Marginalisierung von Menschen anhand von Fragen wie „Wer ist nützlich?“ oder „Wer ist minderwertig?“ und deren Folgen hin. So wurden etwa Wohnungslose, Sexarbeiter*innen, Rom*nja und Sinti*zze und Alkohlkranke im Nationalsozialismus als „asozial“ bezeichnet, verfolgt und in Konzentrationslagern inhaftiert. Auch nach 1945 blieb diese Form der gesellschaftlichen Ausgrenzung bestehen, wie unter anderem der Umgang mit Punks oder „Gammlern“ sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR zeigt. Aktuell erlebe der Begriff in Debatten um Sozialleistungen eine Renaissance, so Allex. Sie fordert dazu auf, sich mit der Kontinuität dieser Diskriminierungsformen auseinanderzusetzen „um mit dem Denken, dass Menschen ,minderwertig‘ und ,überflüssig‘ seien, zu brechen.“

Leider ist es bis heute nicht gelungen, Kontakt zu den Familien oder Freund*innen von Kurt Schneider oder Eugeniu Botnari herzustellen. Die Aktivist*innen wünschen sich diesen Kontakt ausdrücklich, um das Gedenken persönlicher und würdevoller gestalten zu können.


Am 6. Oktober 2020 findet 17 Uhr eine Gedenkveranstaltung für Kurt Schneider am Rathaus Lichtenberg statt. Weitere Informationen dazu finden sich unter: berlin.niemandistvergessen.net

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