Die Opferperspektive in den Vordergrund stellen (Interview)

Am 23. November jährten sich die rassistischen Brandanschläge von Mölln zum 25. Mal. In Gedenken an die Opfer fand am 19. November 2017 im mit über 500 Personen voll besetzten Theater „Hebbel am Ufer (HAU)“ die „Möllner Rede im Exil“ in Berlin statt. Zwei bekannte Neonazis hatten am 23. November 1992 das Haus der Familie Arslan angezündet. Bahide Arslan (51), Ayşe Yılmaz (14) und Yeliz Arslan (10) starben. Kurz zuvor hatten die Täter ein weiteres überwiegend von türkischen Familien bewohntes Haus in unmittelbarer Nähe angezündet. Neun Menschen wurden hierbei teils schwer verletzt.

 
Da die diesjährige Rednerin Esther Bejarano aufgrund von Krankheit nicht anwesend sein konnte, verlas ihr Sohn Joram Bejarano die Rede. © Kilian Behrens / apabiz

Bis 2012 war die Möllner Rede, deren Redner*innen die Familien Arslan und Yılmaz aussuchen, Teil der Gedenkfeier der Stadt Mölln. 2013 wurde sie aus dem Programm gestrichen. Seitdem organisieren die Familien eigene Veranstaltungen in wechselnden Städten. Die Gedenkveranstaltung 2017 wurde gemeinsam mit der Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş aus Berlin organisiert, die sich nach dem bis heute ungeklärten Verbrechen in der Nacht zum 5. April 2012 im Bezirk Neukölln gegründet hatte. Wir sprachen mit den Beteiligten über Formen des Gedenkens, Rassismus und ihren Widerstand.

Wie muss ein würdevolles Gedenken an die Opfer rassistischer Gewalt Ihrer Meinung nach aussehen?

Ibrahim Arslan: Im Prinzip so wie wir es mit der „Möllner Rede im Exil“ bereits machen. Sie ist ein würdervolles Gedenken für uns, weil wir sie uns selbst erkämpft haben. Für uns war die Gedenkfeier der Stadt Mölln immer eine Inszenierung, weil sie nie etwas war, was wir selbst organisiert haben. Die Gedenkveranstaltung hat die Stadt organisiert, lediglich die Möllner Rednerinnen und Redner haben unsere Familien organisiert. Mit der Begründung die Rede sei zu politisch wurde sie dann 2013 aus dem Programm gestrichen. Wir haben die Gegenfrage gestellt: ‚Haben denn die Täter nicht auch aus politischen Gründen unser Haus angezündet?‘ Damit die Möllner Rede weiterhin Bestand hat, haben wir uns entschieden, sie im Exil stattfinden zu lassen. Die Rede ist immer auch ein Appell und will auf Rassismus und Faschismus in dieser Gesellschaft aufmerksam machen.

Faruk Arslan: Ich finde die Möllner Rede sollte in ganz Deutschland und auch im Ausland gehört werden. Sie hat ja nicht ausschließlich mit der Stadt Mölln zu tun. Die Möllner Rede sollte für Leute ein Begriff sein. Sie ist wichtig, um zu verstehen, was eigentlich damals passiert ist. Wir sollten zwar nicht ganz mit der Stadt Mölln abschließen – das wäre nicht gut – aber die Stadt Mölln darf nicht in Vergessenheit geraten lassen, was passiert ist und sich nicht gegen das Erinnern sperren. Auch wenn es jetzt vielleicht ein paar Jahre schlecht gelaufen ist, sehe ich Hoffnung, wenn wir überall unsere Stimme hören lassen.

Hava Assan: Ich wünsche mir, dass die Rede auch in der Türkei bei Familie Yılmaz gehalten wird, um zu sehen, wie sie leben und was sie fühlen und damit man auch dort nicht vergisst. In der Türkei sind auch die Gräber der Ermordeten. Es wäre wichtig, auch dort zu gedenken und gemeinsam zu beten. Ich fände es wichtig, dass die Möllner Rede auch auf Türkisch stattfindet, damit man sie auch in der Türkei versteht und wahrnimmt.

Faruk Arslan: Ich finde, über Rechtsradikalismus, den es damals in Deutschland gab und den es auch heute noch gibt, muss man so viele Jugendliche wie möglich aufklären, so wie es ja auch Ibrahim in Schulen macht. Das der heutigen Jugend zu vermitteln ist schwer, weil sie von dem Geschehenen oft gar nichts wissen. Die müssen wir wach machen und ihnen erzählen was los ist, was in unserem Land abgeht. Und deshalb sollte die Möllner Rede, nicht nur in irgendwelchen Rathäusern stattfinden, sondern auch draußen – überall da, wo die Menschen sind. Man soll den Leuten zeigen, dass wir das nicht in Vergessenheit geraten lassen und dass wir immer da sein werden, wenn man uns braucht.

In diesem Jahr hält die Antifaschistin und Holocaust-Überlebende Esther Bejarano die Rede, was bedeutet das für Sie?

Faruk Arslan: Ich habe mich sehr gefreut, als feststand, dass sie die Rede hält. Leider ist Sie krank und ihr Sohn Joram wird die Rede an ihrer Stelle halten. Wir finden das toll, dass Menschen mit dieser Erfahrung uns unterstützen. Die Wahrheit direkt von den Menschen zu hören, die es erlebt haben, ist viel eindrücklicher. Für uns ist es eine große Ehre, eine Frau wie Esther Bejarano hinter uns zu wissen, die diesen Hass erlebt hat und damit bis heute umgehen muss.

Ibrahim Arslan: Esther Bejarano ist für mich mehr als eine Zeitzeugin. Sie ist eine der Personen, die uns dazu aufgefordert hat, diese Gedenkveranstaltungen in dieser Form zu machen. Die Überlebenden des Holocaust waren es, die die Gedenkpolitik in Deutschland umgeworfen und der Gesellschaft gezeigt haben, Gedenken muss in einer respektvollen Art und Weise geschehen. Das geht nur, wenn wir die Betroffenen in das Geschehen mit einbeziehen, denn wir sind die Hauptzeugen. Nur wir können das authentisch erzählen. Die Kontinuitäten von Rassismus gemeinsam mit Überlebenden des Holocaust anzusprechen und zu zeigen, dass Rassismus auch heute in der Gesellschaft existiert, finde ich extrem wichtig. Wenn wir heute nicht darüber sprechen und die Jugendlichen auffordern, etwas gegen Rassismus zu tun, der ja in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, dann bekommen Parteien wie die AfD dreizehn Prozent oder zukünftig noch mehr. Deshalb brauchen wir extrem viel Aufklärungsarbeit.

Hava Assan: Ich finde es gut, dass hinter uns so eine starke Frau steht. Ich habe gemerkt, es gibt Deutsche, die uns wehgetan haben und dann gibt es aber auch solidarische Deutsche, die hinter uns stehen und das macht uns stark. In den letzten zwei Tagen habe ich sehr viel Solidarität erfahren.

Yeliz Arslan: Mich persönlich macht das sehr viel selbstbewusster.

Sie unterstützen seit Jahren die Familie Bektaş und die Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş .Wie ist der Kontakt zustande gekommen?

Ibrahim Arslan: Ich wurde damals von der Initiative nach Berlin eingeladen. Zunächst habe ich die Initiative kennengelernt und dann durfte ich auch Melek Bektaş, die Mutter von Burak kennenlernen. Die Verbindung war sofort da. Als wir angefangen haben, über unsere Erfahrungen zu sprechen, haben wir gemerkt, dass wir seelenverwandt sind und dass das Schicksal uns ab diesem Moment des Kennlernens verbunden und unzertrennlich gemacht hat. Das war so ein Moment des Schweigens, der Wut und der Aggression, der uns zusammengebracht hat und uns jetzt auch zusammen kämpfen lässt. Wir haben uns sofort solidarisch gezeigt, als sie ihre Geschichte erzählt hat und haben gesagt, wir müssen überall wo wir hingehen, unseren Beitrag dazu leisten, damit der Mörder von Burak Bektaş gefunden wird. Damit wir Gewissheit haben und damit nicht noch mehr Buraks sterben müssen. Das hat uns heute auch hierher gebracht, um die Möllner Rede mit der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş gemeinsam zu machen. Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass der Mörder noch immer frei herumläuft. Für uns ist das eine Selbstverständlichkeit das zu tun, da wir Burak wie einen Bruder als Teil unserer Familie sehen. Einen Teil, den wir verloren haben.

„Das war so ein Moment des Schweigens, der Wut und der Aggression, der uns zusammengebracht hat und uns jetzt auch zusammen kämpfen lässt.“

Faruk Arslan: Ich habe Familie Bektaş über meinen Sohn und meine Rechtsanwältin kennengelernt. Für mich ist es eine große Ehre die Familie kennengelernt zu haben. Ich sage immer: Diejenigen, die gelitten haben, wissen was Schmerzen sind. Für die Menschen, die ihre Familie oder ihr Kind verloren haben, da zu sein und mit ihnen zusammen zu arbeiten, ist für uns eine ganz große Ehre. Heute Morgen waren wir bei Familie Bektaş und sie haben uns wie Familienmitglieder angenommen. Familie Bektaş ist für mich ein Symbol hier in Berlin, was mich gern in diese Stadt kommen lässt und mir Kraft gibt, auch für diese Menschen gerade zu stehen und zu zeigen, wir werden immer für euch da sein.

Hava Assan: Ich kenne die Familie erst seit zwei Tagen. Es sind sehr herzliche Menschen. Melek Bektaş hat mir gesagt, dass es sie stark macht, dass wir sie unterstützen und immer mit ihnen sein werden.

Demonstration am 21. Mai 2017 in Köln anlässlich des Tribunals „NSU Komplex auflösen“ © Kilian Behrens /apabiz

Wie gerade angesprochen ist im Fall des Mordes an Burak Bektaş der Täter bis heute unbekannt. Wie beeinflusst das das Gedenken?

Julia (Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş): Da würde ich gern Ibrahim zitierten: ‚Wenn ein*e Migrant*in oder eine Person of Colour ermordet wurde, dann gehen wir solange von einem rassistischen Motiv aus, bis uns die Polizei das Gegenteil bewiesen hat.‘ Und das hat die Polizei noch nicht getan. Die Polizei macht in unserer Wahrnehmung und soweit wir das von den Anwälten mitbekommen, nichts. Die Polizei müsste aktiv ausschließen, dass es ein rassistischer Mord war. Wir sagen nicht, es war so, aber wir sagen: Beweist uns das Gegenteil. Burak ist relativ kurz nach der Selbstenttarnung des NSU ermordet worden und unser Anliegen war es, dass nie wieder Angehörige so allein gelassen werden, wie es bei den Angehörigen der vom NSU Ermordeten der Fall war. Wir haben gedacht, das kann nicht sein, dass in Berlin, in dem Viertel, in dem viele von uns leben, ein junger Mann erschossen wird. Dann müssen wir etwas tun. Wir haben dann die Familie kennengelernt und die Initiative gegründet und fordern seither Aufklärung.

„Die Polizei müsste aktiv ausschließen, dass es ein rassistischer Mord war. Wir sagen nicht, es war so, aber wir sagen: Beweist uns das Gegenteil.“

Ibrahim Arslan, um die Opferperspektive zu stärken, machen Sie seit einiger Zeit Bildungsarbeit an Schulen. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ibrahim Arslan: Ich habe in meiner Jugend festgestellt, dass es eine ganz große Bildungslücke an Schulen gibt, nämlich dass die Perspektive der Betroffenen nicht repräsentiert wird. Daher habe ich mir vorgenommen, mit Schülern und Heranwachsenden zu sprechen, inspiriert auch dadurch, was Holocaust-Überlebende ja schon sehr lang machen, nämlich Zeitzeugengespräche. Um zu zeigen, dass sich bislang vor allem mit den Tätern beschäftigt wird und dass auch wir als Gesellschaft uns viel zu oft mit Tätern identifizieren und weniger mit den Betroffenen. Ich arbeite oft mit dem Satz von Tolstoi: ‚Wenn jemand Schmerzen fühlt, dann ist er lebendig, wenn jemand die Schmerzen anderer fühlt, dann ist er ein Mensch.‘ Wir können etwas zur Gesellschaft beitragen, indem wir diese Schmerzen fühlen, um zu verhindern, dass sich diese Taten wiederholen. Das geht nur, wenn wir mit Heranwachsenden sprechen, denn die werden irgendwann dieses Land regieren, in Justizgebäuden sitzen oder bei der Polizei arbeiten. Und sie werden diese Gesellschaft verändern. Mein Ziel ist es, die Opferperspektive in den Vordergrund zu stellen.

Viele von ihnen waren im Mai dabei, als in Köln das „Tribunal NSU-Komplex auflösen“ veranstaltet wurde. Wie haben Sie die Tage in Köln erlebt und was nehmen Sie davon mit für die Zukunft?

Faruk Arslan: Für mich war das eine tolle Erfahrung. Diese vier Tage waren für mich sehr erfahrungsreich. Ich fand es toll zu sehen, dass sich dort so viele Menschen gegen Rassismus stellen und etwas unternehmen wollen. Die größte Bereicherung für mich war zu sehen, wir sind nicht allein, es gibt auch noch andere Menschen, die für uns kämpfen. Mein Respekt gilt diesen vielen Menschen. Das Tribunal ist für mich ein Anfang gewesen und jetzt kommt Berlin. Ich danke auch allen Kölnern, dass sie ein Teil von uns waren und dass wir ein Teil von ihnen sein durften. Das hat uns innere Ruhe und Kraft gegeben und wenn wir uns auch weiterhin so offen wie in Köln austauschen, dann werden wir es auch schaffen, dass die AfD wieder aus dem Bundestag fliegt. Wir sollten Köln und heute Berlin zum Beispiel nehmen und für Gerechtigkeit kämpfen. Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: ‚Mein Sohn, ich bin hierher gekommen, weil ich hier eine Familie gesehen habe.‘ Wenn meine Mutter jetzt leben würde, wäre sie sehr traurig. Sie hätte geheult, denn sie hat hier eine Zukunft gesehen und diese Zukunft lassen wir uns von niemandem kaputt machen. Wir werden immer da sein.

Ibrahim Arslan: Mal abgesehen von einigen organisatorischen Schwierigkeiten beim Tribunal habe ich dort gesehen, dass eine sehr große Vernetzung in Deutschland stattgefunden hat, in puncto Betroffenenperspektive, aber auch bei den Initiativen, die uns unterstützen. Wir haben gesehen, dass wir einen wichtigen Beitrag leisten können, wenn wir uns vernetzen und uns als eine Familie sehen. Wir müssen uns alle – egal ob migrantische Perspektive, POC-Perspektive oder weiße-deutsche Perspektive – verbünden gegen Rassismus. Die Betroffenen hatten großen Anteil am Tribunal. Sie haben das Tribunal regelrecht aufgemischt, mit einer Gedenkpolitik, die Deutschland bislang nicht kannte, einer Gedenkpolitik, die die Betroffenenperspektive aktiv in den Vordergrund stellt. Daraus ist bei allen Betroffenen das Gefühl entstanden, wir wollen nicht in Vergessenheit geraten. Das hat mir nochmal gezeigt, wir müssten als Gesellschaft eigentlich in jeder Stadt so ein Tribunal veranstalten – so oder so ähnlich – wo wir Menschen miteinander vernetzen, aber auch die Betroffenen einladen.

Julia: Ich war selbst nicht dabei, aber eine Genossin von uns hat das Forum beim Tribunal mit organisiert, wo die Betroffenen zusammengekommen sind und das ist in meiner Wahrnehmung die wichtigste Veranstaltung auf dem Tribunal gewesen.

Yeliz Arslan: Ich war auch in Köln dabei. Ich habe es zuvor jahrelang nicht verstanden. Ich konnte nicht das fühlen, was meine Familie fühlt, denn ich war damals nicht dabei. Ich bin später geboren. Aber nachdem ich gesehen habe, wie viele Opfer von Rassismus es gibt und wie oft solche Taten in Deutschland verübt werden, da habe ich es auch gefühlt. Ich dachte, Yeliz, du musst auch mal über deine Gefühle sprechen und das raus lassen. Da konnte ich auch endlich mitreden und mitfühlen.

Vielen Dank für das Gespräch. Möchten Sie noch etwas ergänzen?

Faruk Arslan: Ich habe das Gefühl, die AfD bekommt seitens der Medien derzeit zu viel Aufmerksamkeit. Ich würde mir wünschen, dass stattdessen die Opferperspektive derer, die von Rassismus betroffen sind, im Vordergrund steht.

Ibrahim Arslan: Ich fände es wichtig mehr drüber zu informieren, dass Betroffene selbst die Möglichkeit haben, eigene Gedenkveranstaltungen zu organisieren, ganz ohne Institutionen. Denn wenn sie das möchten und sie das Gefühl haben, dass diese Institutionen sie instrumentalisieren, um aus dem Gedenken eine Inszenierung zu machen, dann sollten sie sich eher an solidarische Menschen halten. Die „Möllner Rede im Exil“ hat gezeigt, dass so ein Gedenken selbstorganisiert und mit Hilfe solidarischer Menschen möglich ist.


Faruk Arslan verlor durch den Brandanschlag seine Mutter Bahide Arslan, seine Tochter Yeliz Arslan und seine Nichte Ayşe Yılmaz.

Ibrahim Arslan, damals sieben Jahre alt, überlebte den Brandanschlag durch die Hilfe seiner Oma Bahide Arslan.

Yeliz Arslan wurde zwei Jahre nach dem Brandanschlag geboren. Sie wurde nach ihrer ermordeten Schwester benannt.

Hava Assan ist die Schwester der getöteten Ayşe Yılmaz.

Julia ist aktiv in der Initiative zur Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş.

 

Das Interview führte Kilian Behrens