Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Berlin-Neukölln - Am 7. Juni 2017 fand im Rahmen des Internationalen Deutschen Turnfestes eine Feier zum Gedenken an Friedrich Ludwig Jahn statt. Zu der Feier hatte neben dem Deutschen Turner-Bund (DTB) auch die Friedrich-Ludwig-Jahn-Gesellschaft geladen, an der Durchführung war der rechtslastige Wiener Akademische Turnverein (WATV) beteiligt.

 
Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Die Neuköllner Bezirksbürgermeisterin Dr. Franziska Giffey (SPD) bei ihrem Grußwort an die Gäste der Jahn-Feier. Im Hintergrund zum Teil in vollem Wichs: Mitglieder des Wiener Akademischen Turnvereins (WATV), einem Mitgliedsbund des rechten Wiener Korporationsrings (WKR) © Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Dr. Alfons Hölzl (Präsident des Deutschen Turner-Bundes - DTB) © Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Hansgeorg Kling (Präsident der Jahn-Gesellschaft) © Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Rechte Studentenverbindung in der Hasenheide. Im Vordergrund der Erste Sprecher des Wiener Akademischen Turnvereins (WATV)

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Rainer Brechtken (SPD und Ehrenpräsident des Deutschen Turner-Bundes) bei seiner Rede am 07.06.2017 © Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Mitglieder des Wiener Akademischen Turnvereins (WATV) am 07.06.2017 in der Neuköllner Hasenheide © Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Gemeinsamer Kranz der Jahn-Gesellschaft und des Wiener Akademischen Turnvereins (WATV) ©Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Mitglieder des Wiener Akademischen Turnvereins (WATV) posieren zusammen mit Hansgeorg Kling, dem Präsidenten der Jahn-Gesellschaft am 07.06. vor dem Jahn-Denkmal in der Neuköllner Hasenheide © Kilian Behrens / apabiz

Fragwürdiges Jahn-Gedenken mit deutschnationalem Einschlag

Die während der Gedenkfeier eingeweihte Tafel des WATV. © Kilian Behrens / apabiz

Die amtierende Bezirksbürgermeisterin, Franziska Giffey (SPD), sprach auf der Feier ein kurzes Geleitwort, in dem sie Jahn als „umstritten“ bezeichnete, aber auf die aktuelle Internationalität der Turnbewegung abhob. Während auch der derzeitige Präsident des DTB, Alfons Hölzl, sich in seinem Grußwort im Ungefähren bewegte, versuchte sich der einzige Festredner Rainer Brechtken (SPD), Ehrenpräsident des DTB, immerhin daran, die positiven und die negativen Seiten von „Turnvater Jahn“ zu benennen[1]; die DTB-Position zu Jahn bezeichnete Brechtken als „dankbar, sachlich und kritisch“.

Im Gegensatz dazu stand der deutschnationale Rückgriff des WATV-Sprechers, der den Begründer der Turnerbewegung völlig unkritisch bewunderte und ihm „seinen Gruß den er uns gegeben hat zurück [gab]: Gut Heil“.

Ein Sprecher des WATV zitierte aus Jahns Werk „Deutsches Volkstum“ vor allem traditionalistisches über die „menschliche Natur“ und „volkstümliche Denkmäler“.

Er äußerte unter anderem:

„Freiheit ist so ein zentraler Begriff, der so oft verwendet wird, aber leider sehr oft missverstanden wird. Freiheit wie er oft heute verstanden wird heißt ohne Regeln, völlig ohne Grenzen, ohne Verantwortungsgefühl, ohne vor irgendwem Rechtschaffenheit ablegen zu müssen (sic!), seine Welt zu bestehen. Dies geht aber nur, wenn man sich völlig von jeder Gemeinschaft abschottet. Sowas ist aber nicht natürlich, geht wider die menschliche Natur. Und so ist nur der wirklich frei, der sich eben so einer wie unserer Gemeinschaft anschließt und freiwillig diese Pflichten und diese Mühen auf sich nimmt um an größeren Dingen zu wirken, größere Ziele, die er selbst nicht erreichen kann, zu erreichen.“

Erster Sprecher des WATV am 7. Juni 2017

Insgesamt stellt sich die Frage, warum der DTB und die Jahn-Gesellschaft es überhaupt für ratsam hielten, sowohl bei der Inszenierung als auch bei der Durchführung der Gedenkfeier vor rund 120 Personen ausgerechnet auf die Mitwirkung des WATV zurück zu greifen. Schließlich repräsentiert der WATV genau jenen Teil der „Turnerbewegung“, der zu Recht in der Kritik steht, mit dem Gedenken an Jahn vor allem reaktionäre, deutschnationale und männerbündische Traditionsbestände anzusprechen, von denen man das Jahn-Gedenken doch angeblich frei machen möchte.

Bereits im Vorfeld hatte es eine kritische Berichterstattung über die Beteiligung des WATV gegeben, der eine zumindest deutschnationale Ausrichtung hat. Im Berliner Tagesspiegel bezeichnete Andreas Peham vom Wiener „Dokumentationsarchiv Österreichischer Widerstand“ den WATV “als Scharnierorganisation zwischen strengem Konservatismus und Rechtsextremismus“[2]. Der WATV ist Mitglied im Wiener Korporationsring (WKR), dessen WKR-Ball in der Vergangenheit berüchtigtes jährliches Highlight der europäischen Rechtsaußen-Prominenz war.

In der Vornacht der Jahn-Feier hatte es einen Farbanschlag auf das Jahn-Denkmal und damit auch auf die neue Gedenktafel des WATV gegeben, dessen Spuren nur mühsam beseitigt waren. Die Schrift auf der WATV-Tafel war offenbar als Folge der Reinigung nur noch schemenhaft zu erkennen.

  1.  Alle Reden wurden vom apabiz aufgenommen und sind ebenso wie die davon angefertigten Transkriptionen bei uns einsehbar.
  2.  Vgl. www.tagesspiegel.de/sport/turnfest-in-berlin-preussen-verbot-das-turnen-und-inhaftierte-jahn/19890862-2.html