Einschüchterung als Strategie

Die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) berät all diejenigen, die sich mit Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus auseinandersetzen möchten oder müssen. Dabei ist die Unterstützung und Begleitung von Menschen und Organisationen, die aufgrund ihres Engagements zum Ziel rechtsextremer Bedrohungen und Angriffe werden, ein seit Jahren wachsendes Beratungsfeld.

 

Bereits in den Jahren 2009-2012 attackierten Rechtsextreme aus dem Umfeld des militanten Neonazi-Netzwerks „Nationaler Widerstand Berlin (NW-Berlin)“ antifaschistische und alternative Einrichtungen, besonders in Neukölln. Um eine kompetente Beratung anbieten zu können, beobachtet und analysiert die MBR fortlaufend die Entwicklungen der rechtsextremen Szene in der Stadt. Im folgenden Artikel werden die aus der Arbeit der MBR gewonnenen Erkenntnisse zur aktuellen rechtsextremen Angriffsserie dargelegt und mit einer Einschätzung der strategischen (Neu-)Ausrichtung aktionsorientierter Rechtsextremer verknüpft. Der Text untersucht die Ziele und die Motivation hinter der Serie rechtsextremer Anschläge gegen Engagierte in Neukölln.

Seit dem Frühsommer 2016 beobachtet die MBR eine Serie von rechtsextremen Angriffen. Drohungen wurden gezielt an bestimmte Hauswände und in Treppenhäuser gesprüht, Scheiben eingeworfen und Autos angezündet. Betroffen waren neben demokratischen Kommunalpolitiker_innen und Gewerbetreibenden vor allem Menschen, die sich außerhalb der Parlamente in verschiedenen Kontexten gegen Ideologien der Ungleichwertigkeit engagieren. Ausgangspunkt und zugleich Schwerpunkt der nächtlichen Anschläge militanter Rechtsextremer war der Bezirk Neukölln, in dem sich zwischen Mai 2016 und Mai 2017 allein 35 von 45 der Fälle, die der MBR bekannt wurden, ereigneten. Zu weiteren rechtsextremen Angriffen, die die MBR der Serie zuordnet, kam es in den Stadtteilen Wedding, Kreuzberg und Schöneberg. Bei vereinzelt aus weiteren Bezirken bekannt gewordenen ähnlichen Angriffen, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Nachahmungstaten lokaler rechtsextremer Strukturen. Darauf lassen Abweichungen von der aus den anderen Fällen bekannten Vorgehensweise schließen.

Begleitet wurden die aktuellen Angriffe durch Veröffentlichungen auf einer von Neuköllner Rechtsextremen betriebenen Facebookseite, auf der mehr oder weniger deutlich dazu aufgerufen wurde, aktiv zu werden. Im August 2016 erschien neben einer Liste von Flüchtlingsunterkünften im Bezirk eine Grafik, die Büros demokratischer Parteien und alternative Projekte vor allem im nördlichen Neukölln mit Adressen aufführte. Eine zum Jahrestag der antisemitischen Novemberpogrome veröffentlichte berlinweite Karte mit jüdischen Einrichtungen führte nach öffentlichen Protesten schließlich zur endgültigen Löschung der Seite durch den Plattformbetreiber. Die Karte mit den antifaschistischen Einrichtungen, von denen zwei im Rahmen der aktuellen Serie zum Ziel von Brandanschlägen wurden, ist bis zum heutigen Tag über die Facebookseite des Neuköllner NPD-Kreisverbandes abrufbar.[1] Dass entsprechende „Feindeslisten“ mit Einrichtungen online gestellt werden, um dann im Anschluss vermehrt zum Ziel rechtsextremer Anschläge zu werden, konnte bereits in früheren Jahren bei vergleichbaren Angriffen aus dem Umfeld des damals aktiven rechtsextremen Netzwerks „Nationaler Widerstand Berlin (NW-Berlin)“ beobachtet werden. Neu an der aktuellen Serie ist allerdings, dass nicht mehr hauptsächlich Kneipen und Vereinsräume im Fokus stehen, sondern verstärkt Engagierte unmittelbar an ihren privaten Wohnanschriften bedroht werden. Doch wie konnten die Rechtsextremen an die Adressdaten der Betroffenen gelangen?

Gezielte Bedrohungen im privaten Wohnumfeld

Das Ausspähen von Adressen von Menschen, die Rechtsextreme für ihre politischen Gegner_innen halten, ob engagierte Journalist_innen, Gewerkschafter_innen, Kommunalpolitiker_innen oder Antifa-Aktivist_innen, ist seit Jahrzehnten gängige Praxis und Teil einer als „Anti-Antifa Arbeit“ bezeichneten Strategie. Gezielt werden Gerichtsprozesse besucht oder Akteneinsichtsrechte in Ermittlungsverfahren genutzt und versucht sich Zugang zu den Kundendaten von Versandhändlern zu verschaffen, die Produkte gegen Rechtsextremismus vertreiben. Auch vor dem Entwenden privater Post aus dem Briefkasten schrecken Rechtsextreme nicht zurück. In den aktuellen Fällen von Bedrohungen an und in den Wohnhäusern der Betroffenen, ist es den rechtsextremen Täter_innen nun auf bisher ungeklärtem Weg gelungen, sich in den Besitz eines größeren Satzes von Adressdaten Engagierter zu bringen, die gestaffelt in mehreren nächtliche Touren aufgesucht wurden. Die MBR weiß von insgesamt 21 Fällen dieser Art. Was haben diese Fälle gemeinsam?

Auftakt zu insgesamt drei jeweils in einer Nacht an mehreren Privatadressen durchgeführten Sprühaktionen war der 27. Dezember 2016. An sechs Wohnanschriften im Norden Neuköllns fanden sich in großen Druckbuchstaben mit roter Farbe gesprühte Schriftzüge. Jeweils an der Fassade und im Eingangsbereich der Mehrfamilienhäuser wurden die Betroffenen unter Nennung von Vor- und Zuname mit einer identischen, unter Rechtsextremen für linkspolitisch Engagierten gebräuchlichen Bezeichnung beleidigt. Zusätzlich wurden ihre Klingelschilder gekennzeichnet. Zwei Bedrohungen nach dem gleichen Muster wurden der MBR aus der Nacht aus Kreuzberg und Schöneberg bekannt. Die nächsten Vorfälle ereigneten sich in der Nacht zum 07. Februar 2017, diesmal im Ortsteil Wedding. Die MBR erfuhr von sieben Adressen, bei denen sich Rechtsextreme teilweise auch Zugang zu den Häusern verschafften und zusätzlich Schriftzüge in den Hausfluren und Treppenhäusern hinterließen. Auffällig war neben der in diesem Fall zum Teil expliziten bedrohlichen Ansprache die Verwendung von sexistischen Bezeichnungen für Personennamen, die als weiblich wahrgenommen wurden. An mindestens einem der Orte befand sich zudem ein Keltenkreuz, ein verbotenes rechtsextremes Symbol. Die dritte und bisher letzte Serie von Drohsprühereien folgte unmittelbar anschließend in der Nacht zum 08. Februar 2017 wieder in Neukölln. Sechs Wohnhäuser waren betroffen, gesprüht wurde erneut an Hausfassaden, Eingangstüren und teils großflächig in den Treppenhäusern. In zwei Fällen wurde ein Marker-Stift statt Sprühfarbe verwendet.

Angriffe gegen eine offene antifaschistische Positionierung

Diese gezielten Bedrohungen an und in Wohnhäusern waren nur einer der Höhepunkte innerhalb der rechtsextremen Anschlagsserie. Zuvor hatten sich die Angriffe primär gegen sichtbares Engagement gerichtet. Bereits in der Nacht zum 12. Dezember 2016 war ein mit Farbe gefülltes Glas gegen das Fenster einer Neuköllner Wohnung außerhalb des S-Bahnrings geworfen worden. Weil die Scheibe nicht zu Bruch gegangen war, kehrten die Täter_innen am frühen Abend desselben Tages zurück, warfen das Fenster mit einem Pflasterstein ein und nahmen dabei Verletzungen der Bewohner_innen billigend in Kauf. Vermutlich waren die Täter_innen durch ein von außen sichtbar aufgehängtes Banner aufmerksam geworden. In der gleichen Nacht wurden ebenfalls in Neukölln die Scheiben eines Buchladens eingeworfen. Zwei Wochen zuvor hatte in dem Geschäft eine Veranstaltung gegen Rechtspopulismus stattgefunden. Am Abend des 23.12.2016 wurden Gläser mit einer teerartigen Flüssigkeit durch die Scheiben einer weiteren Wohnung in Neukölln geworfen. Der Angriff galt offenbar einem Antifaschisten, der zu dieser Zeit aufgrund einer Gerichtsverhandlung in der Öffentlichkeit stand.

Insgesamt zehnmal verzeichnete die MBR Brandstiftungen an den privaten PKW von Engagierten. Am 06. Juni 2016 traf es das Auto einer Aktiven aus einer Rudower Kirchengemeinde und einer ehemaligen Initiative gegen Rechtsextremismus. Zwei Brandstiftungen an Fahrzeugen eines Gewerkschafters und eines Buchhändlers gab es in der Nacht zum 23. Januar 2017. Der Gewerkschafter war im Abgeordnetenhauswahlkampf im September 2016 mit seinem Auto einer Wahlkampftour der NPD gefolgt, die an diesem Tag an vier Orten im Süden Neuköllns Kleinstkundgebungen abhielt, und hatte dadurch die Aufmerksamkeit der Teilnehmenden erregt. Das Auto des Buchhändlers, der sich in einer Vernetzung gegen Rechtspopulismus und Rassismus engagiert, war von seinem Geschäft, dessen Scheiben bereits im Dezember eingeworfen worden waren, weit entfernt geparkt gewesen. Der Betroffene geht daher davon aus, dass die Täter_innen ihm nach Ladenschluss unbemerkt gefolgt sind. Die bisher letzten Brandanschläge ereigneten sich in der Nacht zum 3. Mai im Neuköllner Ortsteil Britz und in Kreuzberg. Sie richteten sich diesmal gegen Menschen, die bisher nicht durch politisches Engagement öffentlich in Erscheinung getreten waren. Während in Kreuzberg allem Anschein nach ein am Fahrzeug befestigter antifaschistischer Aufkleber ausschlaggebend war, verwaltete die betroffene Person aus Neukölln die Internetseiten von Initiativen für Geflüchtete und gegen Rechtsextremismus – Informationen, die nur durch gezielte Recherche erlangt worden sein können.

Einschüchterung demokratischer Gremienvertreter_innen und Organisationen

Gezielt eingeschüchtert werden sollten auch Kommunalpolitiker_innen und demokratische Jugendeinrichtungen im Bezirk Neukölln. Am 27. Juni 2016 beobachteten Anwohner_innen am frühen Morgen, wie offenbar ortskundige Täter_innen vom brennenden Privatauto eines SPD-Bezirksverordneten in Rudow flüchteten. Auch der sozialistische Jugendverband „Die Falken“, der im Neuköllner Ortsteil Britz das „Anton-Schmaus-Haus“ betreibt, wurde schon wiederholt zum Ziel von Drohungen und Anschlägen. Am 15. Oktober 2016 brannte nun das Auto der Geschäftsführerin des „Anton-Schmaus-Haus“ in der Nähe ihres Wohnhauses in Rudow. Die Rechtsextremen wollen mit der aktuellen Angriffsserie ein Klima der Verunsicherung schaffen, das die Betroffenen von der Fortsetzung ihres Engagements abhalten soll – allein dieses Engagement hat sie zum Ziel gemacht. Die Botschaft, die durch diesen niedrigschwelligen rechtsextremen Terror ausgesendet werden soll, erreicht die Adressat_innen auch ohne ein explizites Bekennerschreiben. Die Taten sprechen für sich. Ein wesentliches Ziel dieser Strategie von anonymer, rechtsextremer Gewalt ist es, bei den Betroffenen, aber auch bei der Gruppe potenziell Betroffener, ein größtmögliches Gefühl der Verunsicherung zu erzeugen.

Ausweitung des Aktionsraumes

Um die jüngste Entwicklung angemessen einordnen zu können, muss die lokale rechtsextreme Organisierung in ihrer geschichtlichen Entwicklung betrachtet werden.
Der Bezirk Neukölln wurde lange Zeit kaum mit rechtsextremen Erscheinungsformen assoziiert. In der öffentlichen Wahrnehmung dominiert bis heute der postmigrantisch, interkulturell und urban geprägte Norden des Bezirkes. Besonders im Süden existierte allerdings bereits in der Zeit vor dem Mauerfall 1989 eine aktive rechtsextreme Szene. Regelmäßig wurde über rassistische Übergriffe offen auftretender Neonazi-Skinhead-Gruppen berichtet. Eine antifaschistische Chronik verzeichnet im Jahr 1992 einen organisierten Angriff von ca. 60 Rechtsextremen unter Führung eines Kaders der 1995 verbotenen „Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP)“ auf eine Unterkunft von Geflüchteten im Ortsteil Buckow. Die rechtsextremen „Republikaner“ erzielten in Neukölln zweistellige Wahlergebnisse und stellten zwischen 1992 und 1994 sogar einen Bezirksstadtrat. Eine weitere Hochburg der Partei in dieser Zeit war der damals noch eigenständige Bezirk Wedding.

In den ersten Jahren nach der Jahrtausendwende bildeten sich mit einem Kreisverband der NPD und einer eigenen „Kameradschaft“, die fortan unter wechselnden Bezeichnungen auftrat, feste neonazistische Strukturen in Neukölln. Bedingt auch durch den Wohnort zentraler Protagonist_innen, waren die südlichen Ortsteile und hier insbesondere Rudow Schwerpunkt ihrer Aktivitäten. Die als „Rudower Spinne“ bezeichnete zentrale Kreuzung am nach dem gleichnamigen Ortsteil benannten U-Bahnhof wurde zum identitätsstiftenden Symbol rechtsextremer Dominanzbestrebungen. Sprühereien und Aufkleber mit der Aufschrift „Rudower Spinne bleibt schwarz-weiß-rot“ markierten das Gebiet, das sie für sich reklamierten. Durch mitunter schwere Gewalttaten versuchten die Neonazis, ausgehend von ihrem Treffpunkt an einem Currywurst-Imbiss, im Ortsteil einen Angstraum zu schaffen für Migrant_innen und Menschen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren. Ein rechtsextremer Aufmarsch für ein „nationales Jugendzentrum“ im Berliner Südosten zog zuletzt im Jahr 2007 durch den Neuköllner Süden. In den Jahren 2006-2011 konnte die Neuköllner NPD zwei Vertreter in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) entsenden.

Bei den folgenden Wahlen gelang der Wiedereinzug nicht. Bereits zuvor war es durch zivilgesellschaftliches und antifaschistisches Engagement gelungen, die öffentliche Präsenz der Rechtsextremen zurückzudrängen. Bei ihren Auftritten mussten sie mit zahlenmäßig überlegenem Gegenprotest rechnen. Langjährige Aktivist_innen und Kader zogen sich zurück. Zwei zwischenzeitlich angemietete konspirative Trefforte mussten aufgegeben werden. Die sozialräumliche Fixierung auf die südlichen Ortsteile wich einer zunehmend militanten „Anti-Antifa“-Ausrichtung, die sich gegen als politische Gegner_innen identifizierte Engagierte in Nord-Neukölln und in der Britzer Hufeisensiedlung richtete. An mehreren der bedrohten und angegriffenen Orte wurden Sprühereien hinterlassen, die auf die Internetseite des rechtsextremen Netzwerks „NW-Berlin“ verwiesen. Das Entdeckungsrisiko bei derartigen Aktionen ist gering; eine kleine, mobile Gruppe von Täter_innen ist zur Durchführung ausreichend. Bekannte rechtsextreme Protagonist_innen aus Neukölln hatten zu dieser Zeit in dem berlinweit aktiven Zusammenhang „NW-Berlin“ ein neues politisches Betätigungsfeld gefunden. Nächtliche Anschläge sind eine ressourcensparende Strategie, die eigene politische und personelle Schwäche zu kompensieren und gleichzeitig bei vergleichsweise geringem Aufwand maximale Wirksamkeit zu erzielen.

Eine Serie mit einer Handschrift

Die aktuellen rechtsextremen Angriffe, insbesondere die Sprühereien an und in Wohnhäusern, tragen gleich in mehrerlei Hinsicht die gleiche Handschrift. Neben den bereits beschriebenen, kaum zu übersehenden Parallelen in der konkreten Vorgehensweise ging mit den Angriffen in Neukölln, vergleichbar mit früheren Anschlägen mutmaßlich aus dem Umfeld des „NW-Berlin“, eine öffentliche Feindbildmarkierung von Engagement gegen Rechtsextremismus im Internet einher. Gewaltbereite, aktionsorientierte Rechtsextreme mit lokalem Bezug sollten aktiviert werden, gleichzeitig konnten sie auf die von den „Freien Kräften Berlin Neukölln“ veröffentlichte Grafik zurückgreifen, um politische Gegner_innen und die ihnen zugeordneten Einrichtungen ausfindig zu machen und anzugreifen. Außerdem verdeutlichten sie mit diesen Angriffen, dass ihre Drohungen im Internet ernst zu nehmen sind. Eine Ähnlichkeit in der Handschrift im buchstäblichen Sinne zeigt sich schließlich bei allen drei Sprühaktionen, sowohl bei denen in Neukölln und Kreuzberg als auch bei der im Wedding.

Blogs und Präsenzen in sozialen Netzwerken, die unter dem Namen „Freie Kräfte Berlin Neukölln“ (FKBN) betrieben wurden, waren der MBR schon länger bekannt. Die Gruppierung, die nun in der Öffentlichkeit mit den Anschlägen in Zusammenhang gebracht wird, agiert anonym. Es gibt dennoch Anhaltspunkte, die auf einzelne Aktive hinter dieser Gruppenbezeichnung hindeuten. Im Fokus stand ein Kandidat der Neuköllner NPD für die Wahlen zu Abgeordnetenhaus und Bezirksverordnetenversammlung im Jahr 2011. Gegen ihn wurde ermittelt, weil er gemeinsam mit weiteren Rechtsextremen vermummt mit einem Transparent der Gruppe posiert und das Foto anschließend auf einer Internetseite der FKBN hochgeladen haben soll. Für eine Verbindung zur NPD spricht ebenfalls, dass die Rubrik „Kontakt“ auf dem Blog der FKBN über einen längeren Zeitraum auf den Neuköllner NPD-Kreisverband verwies.[2] Könnten die Täter_innen also aus dem überschaubaren Personenkreis langjährig bekannter Aktivist_innen und Kader kommen?

Bisher ohne Erfolg: Die Arbeit der Ermittlungsbehörden

Die Ermittlungs- und Sicherheitsbehörden halten sich üblicherweise mit öffentlichen Aussagen zum möglichen Täter_innenkreis zurück. Bemerkenswert ist, dass der Verfassungsschutz im Zusammenhang mit der Veröffentlichung einer Karte mit jüdischen Einrichtungen im November 2016 erklärte, hinter der Facebookseite der FKBN stünden nach seinen Erkenntnissen „eine Handvoll“ Personen, die aus dem Umfeld des früheren „Nationalen Widerstandes“ stammten. Im Februar 2017 gab die Senatsinnenverwaltung in einer Antwort auf eine Parlamentarische Anfrage an, dass Personen „maximal im unteren zweistelligen Bereich“ den „Freien Kräften Berlin Neukölln“ zuzuordnen seien. Der rechtsextreme Hintergrund der Angriffe und Bedrohungen wird, anders als das teilweise bei den Fällen im Zusammenhang mit „NW-Berlin“ der Fall war, nicht in Frage gestellt, sondern steht im Mittelpunkt der Ermittlungen. Betroffene schilderten der MBR, dass die Polizei meist darum bemüht ist, sensibel vorzugehen. Der Innensenator veranlasste die Einrichtung einer besonderen Ermittlungsgruppe beim Landeskriminalamt, und mit der Wiedereinsetzung der „Ermittlungsgruppe Rechtsextremismus“ beim lokalen Polizeiabschnitt wurde ein Zeichen gesetzt, dass ein politischer Wille zu schnellen Aufklärung an höchster Stelle vorhanden ist. Wie bei den Fällen in den Jahren 2009 bis 2012 ist jedoch auch bei der aktuellen Serie bislang kein Ermittlungserfolg gelungen.

Viele der Betroffenen schilderten der MBR im persönlichen Gespräch, wie wichtig ein zeitnaher Ermittlungserfolg wäre, um ihr Sicherheitsgefühl dauerhaft wieder zu stärken. Die Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden müssen konsequent und unabhängig vom politischen Engagement der Betroffenen geführt werden. Wichtige vertrauensbildende Maßnahmen könnten sein, die Erfahrungen und Wahrnehmungen der Betroffenen ernst zu nehmen und sie – im Rahmen des rechtlich Möglichen und in einem Maß, das den Ermittlungserfolg nicht gefährdet – kontinuierlich über den Fortgang der Ermittlungen zu informieren.

Beratung und Unterstützung durch die MBR

Die Arbeit der MBR zielt darauf ab, die Perspektive der Betroffenen zu stärken, ihnen Handlungssicherheit zurückzugeben und sie in der Fortsetzung ihres Engagements zu ermutigen. So organisierte die MBR für einen Teil der Angegriffenen ein Treffen, auf dem sie sich untereinander vernetzen, ihre Erfahrungen austauschen und Fragen stellen konnten. Dieser gemeinsame Austausch in einem geschützten Raum stärkte die Betroffenen. Sie waren mit ihrer Situation nicht mehr allein und entwickelten selbst Ideen für konkretes solidarisches Handeln. Eine Person, die im Wohnumfeld gezielt bedroht wurde, erstellte ein Informationsschreiben für die Nachbar_innen in verschiedenen Sprachen und stellte es auch anderen Interessierten zur Verfügung. Viele Angegriffene hatten Fragen zur Anzeigenstellung bei der Polizei. Unter Hinzuziehung von „ReachOut“ als Opferberatungsstelle sowie juristischer Expertise konnte den Betroffenen weitere professionelle Unterstützung angeboten werden.
Die MBR berät darüber hinaus seit Jahren in Neukölln bezirkliche Akteure der Zivilgesellschaft. Dazu zählt neben der kontinuierlichen Bereitstellung von Informationen zu rechtsextremen Aktivitäten auch die Begleitung der von den Initiativen und Bündnissen entwickelten Aktionen. Öffentliche Solidaritätskundgebungen mit den Angegriffenen wurden im Januar in der Britzer Hufeisensiedlung und im Februar an der Alten Dorfschule in Rudow organisiert. Im März fand außerdem eine Demonstration antifaschistischer Gruppen in Süd-Neukölln statt. Durch Spenden konnte der Schaden ersetzt werden, der durch den Brandanschlag auf das Auto des Buchhändlers entstanden war. Die Mitglieder der Vernetzung „Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus“ haben sich durch die Angriffe nicht einschüchtern lassen und planen eine weitere Veranstaltungsreihe im Vorfeld der Bundestagswahlen. Das „Bündnis Neukölln“, ein Zusammenschluss verschiedener Organisationen, Gewerkschaften und Parteien, kündigt für den 14.-16. Juli 2017 ein dreitägiges dezentrales Festival für einen offenen und solidarischen Bezirk an.
Zu den Möglichkeiten Mobiler Beratungsarbeit gehört auch, die an sie herangetragenen Bedürfnisse von Betroffenen rechtsextremer Bedrohungen in der Öffentlichkeit zu kommunizieren und die Vorfälle sichtbar zu machen. Die aus den Schilderungen der Betroffenen gewonnenen Informationen und Wahrnehmungen sind gleichzeitig auch wichtig für die Einschätzung des Geschehenen. Gespräche mit Politik und Verwaltung können zudem genutzt werden, um für die gewalttätigen Erscheinungsformen des Rechtsextremismus zu sensibilisieren und die Notwendigkeit der Unterstützung zivilgesellschaftlichen Engagements anzusprechen. Zudem hat die MBR Empfehlungen für Engagierte veröffentlicht, um zu verhindern, dass Rechtsextreme an Informationen zur privaten Wohnanschrift gelangen. Das Risiko kann etwa dadurch minimiert werden, dass bei der Anmeldung einer Internetseite die Geschäfts- oder Vereinsadresse genutzt wird, oder indem die – häufig vorhandene – Möglichkeit in Anspruch genommen wird, abonnierte Zeitungen in einem Briefumschlag zu beziehen.[3]

Zentral bei rechtsextremen Bedrohungen sind das solidarische Zusammenstehen und die gegenseitige Unterstützung. Auf dem alltäglichen Weg vom öffentlichen Personennahverkehr nach Hause einen kleinen Umweg zu laufen, um nachzuschauen, ob an den Häusern potenzieller Betroffener alles in Ordnung ist, wie es ein Mitglied einer Britzer Anwohner_inneninitiative formulierte, kann bereits ein konkretes Signal für einen solchen demokratischen Zusammenhalt in der Nachbarschaft sein.

  1.  Thorsten Mandalka et al: Erneut Auto einer Flüchtlingshelferin in Britz angezündet.
  2.  Kopien des Blogs liegen der MBR vor. Verschiedene Medien berichteten über diesen Zusammenhang: Vgl. Vice Staff: Zum Jahrestag der Reichspogromnacht posten Neonazis eine Liste jüdischer Geschäfte, Kindergärten und Friedhöfe. https://www.vice.com/de/article/zum-jahrestag-der-reichspogromnacht-posten-neonazis-eine-liste-juedischer-geschaefte-kindergaerten-und-friedhoefe (Zugriff am 31.05.2017) und Paul Liszt: Rechte Angriffe im Schutze der Nacht. https://www.neues-deutschland.de/artikel/1039083.rechte-angriffe-im-schutze-der-nacht.html (Zugriff am 31.05.2017).
  3.   Die im April 2017 erschienene Handreichung „Wachsam sein! Zum Umgang mit rechten und rechtsextremen Einschüchterungsversuchen und Bedrohungen“ ist online abrufbar und ist als Printversion im Land Berlin kostenfrei zu bestellen. Weitere Informationen: http://www.mbr-berlin.de/aktuelles/neue-handreichung-gegen-rechte-und-rechtsextreme-bedrohungen/?back=%2F