„Joliba ist wie eine Familie für mich“

Joliba bringt Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen, fördert gegenseitiges Verständnis und bietet die Möglichkeit, neue Fähigkeiten und Interessen zu entdecken. So wie die Zielgruppe ist auch das Team interkulturell und mehrsprachig. Dazu gehören Sozialarbeiter*innen, Sozialpädagog*innen, Künstler*innen, Psycholog*innen und Soziolog*innen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen. Mit einigen von ihnen bin ich ins Gespräch gekommen und habe sie zu ihrer Arbeit bei Joliba befragt.

 

Joliba bedeutet großer Fluss und ist Namensgeber für das interkulturelle Begegnungs­- und Beratungszentrum in Berlin-Kreuzberg. Joliba hat sich die Initiierung, Umsetzung und Vernetzung interkultureller Projekte zum Ziel gesetzt. Dabei richten sich die ver­schiedenen Angebote insbesondere an Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung. Neben der Familien- und Sozialberatung gibt es Deutsch- und Computerkurse sowie eine Nähwerkstat. Darüber hinaus bietet der gemeinnützige Verein kreative Work­shops an, die Kunst, Kultur und Identität miteinander verbinden und Raum schaffen, um sich auszuprobieren.

Joliba füllt Lücken

Alexandra ist eine pensionierte Grundschullehrerin und engagiert sich nun seit einem Jahr bei Joliba. Ihr ist es wichtig, ein gemeinnütziges Projekt in ihrer Nachbarschaft zu unterstützen und Menschen, die sich in schwierigen Situationen befinden, individuelle Hilfe anzubieten. Bei Joliba ist sie vor allem in der Sozialberatung aktiv und begleitet meist Leute aus der African Community. Gelegentlich hilf sie bei den Deutschkursen mit, wobei sie ihre Erfahrung aus 40 Jahren Deutschunterricht in Kreuzberg einbrin­gen kann. Sie selbst bezeichnet ihre Arbeit als „Lebenshilfe“, weil die Menschen mit Anliegen aus allen Lebensbereichen zu ihr kommen. Das betrifft sowohl den Schriftverkehr mit Behörden als auch Probleme mit den Vermietern. Den Betroffenen bei Alltags­problemen zur Seite zu stehen, heißt für Alexandra hauptsächlich, den Dschungel der deutschen Bürokratie zu erklären, Anträge übersetzen und ausfüllen zu helfen, sowie Adressen und Informationen zu recherchieren. Sie sieht, wie groß der Bedarf an solcher Unterstützung tatsächlich ist, aber dass gleichzeitig viele nicht wissen, an wen sie sich wenden können. „Joliba füllt genau da eine Lücke, indem der Verein eine niedrigschwellige Anlaufstelle ist. Gerade weil es ein kleinerer Laden ist und direkt von der Straße reingeht, ist die Hemmung nicht so groß, nach Hilfe zu fragen“, erklärt Alexandra. Oft geht es darum, mögliche und neue Wege sichtbar zu machen und auf die Verzweiflung der Betroffenen einzugehen. Alexandras Erfahrung nach stellt die Wohnungssuche die größte Herausforderung für Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund dar, weil sie besonders dort vielen Diskriminierungen ausgesetzt sind. Auch Zahia bietet ehrenamtlich Sozialberatung bei Joliba an und konnte in den letzten vier Jahren vielen Leuten dabei helfen, sich im deutschen System zurechtzufinden.

Ei­nen ähnlichen Lernprozess musste sie selbst auch durchmachen, als sie von Tunesien nach Deutschland gezogen ist. Aufgrund ihrer Sprachkenntnisse betreut sie hauptsäch­lich Arabisch und Französisch sprechende Klient*innen. Viele wenden sich an sie mit Fragen zur Arbeits- und Wohnungssuche und zum Aufenthaltsstatus. Zahia steht in engem Kontakt mit den Leuten und erhält auch außerhalb der Sprechstunde viele An­fragen. Oft steht sie vor großen Herausforderungen, doch sie möchte den Geflüchteten helfen, so gut sie es kann. Am Ende unserer Unterhaltung fasst sie ihr Ziel zusammen: „Ich finde es wichtig, dass ich die Menschen darin unterstützen kann, selbst handeln und entscheiden zu können.“ Dieser emanzipatorische Ansatz gehört zum Leitbild des Vereins. Dabei sind die Methoden sowohl kultursensibel als auch kulturvermittelnd.

„Joliba ist für mich wie eine dritte Familie. Hier helfen wir einander und wenn ich Fragen oder Probleme habe, gibt es immer einen Ansprechpartner. Ich bin gerne hier.“

Martin hat seinen Schwerpunkt bei Joliba auf kostenlose Computerkurse gelegt. Schon seit fünf Jahren unterstützt er den Verein im EDV-Bereich und erklärt nicht nur Com­putersysteme, sondern vermittelt nebenbei auch noch Kenntnisse in Schrift und Spra­che. „Oft kommen die Leute zu mir, um einfache Buchführung zu erlernen, oder fragen mich, wie ein Lebenslauf und offzielle Briefe geschrieben werden“, erzählt er. Regelmäßig gefragt sind seine Einführungen in Excel, PowerPoint und Word. Auch für das Designen von Plakaten ist er zu­ständig und bringt sich gern bei weiteren Projekten ein.

Djiby hat eine ganz besondere Verbindung zu Joliba. Er kam vor drei Jahren nach Deutschland und begann wenig später bei Joliba ein Praktikum, um sein Deutsch zu verbessern und Arbeitserfahrungen zu sammeln. Von Anfang an gefiel ihm der persönliche und freundschaftliche Umgang im Ver­ein. Nachdem er in der Beratung und in der Nähwerkstat ausgeholfen hatte, wollte er gern kreativ werden und lernte mit der Nähmaschine umzugehen. Schnell konnte er sich dafür begeistern und brachte sich alles Weitere selbst bei. Das Nähen und Designen ist schließlich zu seiner Leidenschaft geworden. Mittlerweile hat er ein eigenes Label gegründet: Aberrê Style. Er nutzt die Nähwerkstat, um seine vielen Arbeiten anzufertigen. Neben der Schule besucht er einen Nähkurs, den ihm Joliba vermittelte. Zurzeit holt er seinen Hauptschulabschluss nach und überlegt, ob er anschließend das Abitur oder eine Ausbildung macht. Auf die Frage hin, was Joliba für ihn bedeutet, sagt er: „Joliba ist für mich wie eine dritte Fami­lie. Hier helfen wir einander und wenn ich Fragen oder Probleme habe, gibt es immer ei­nen Ansprechpartner. Ich bin gerne hier.“ Djiby ist im Senegal geboren, in Guinea aufgewachsen und mit 16 Jahren nach Italien, Belgien und schließlich Deutschland geflohen. Heute ist er 22 Jahre alt und hat in Berlin viele Freunde und Hobbies gefunden. In seiner Freizeit macht er Capoeira und bringt Kindern in Workshops bei, wie man Kampfkunst und Tanz vereinen kann. Joliba hat ihm Raum gegeben, um hier nach seiner langen Reise endlich anzukommen, Fuß zu fassen und sich auszuprobieren. Er schätzt es sehr, dass ihm Joliba den Rücken stärkt, damit er seinen eigenen Weg finden kann.

Menschen begegnen sich freundlich, unkompliziert und auf gleicher Augenhöhe

Im Beratungszentrum von Joliba finden von Montag bis Freitag kostenlose Deutsch­kurse von 9-11 Uhr statt, die sich insbesondere an Geflüchtete richten. Darüber hin­aus haben diese die Möglichkeit, sich von Sozialarbeiter*innen beraten zu lassen oder an einem Computerkurs teilzunehmen. Weitere Angebote sind die Nähwerkstatt, die Community-Chorgruppe und Kreatives Malen. Jeden Donnerstag um 14 Uhr kommen alle Freund*innen von Joliba zusammen, um gemeinsam interkulturell zu essen. Beim offenen Mittagstisch ist jede*r willkommen.

Auch ich habe Joliba beim gemeinsamen Mittagessen kennengelernt und mich dort sofort wohlgefühlt. Zu diesem Zeitpunkt war ich auf der Suche nach einer ehrenamtli­chen Tätigkeit und habe viele Initiativen angeschrieben, die sich mit der Diskriminie­rung von Geflüchteten auseinandersetzen. An Joliba hat mir gefallen, dass sich dort Menschen freundlich, unkompliziert und auf gleicher Augenhöhe begegnen können. Während meines Praktikums hatte ich die Möglichkeit, in die Arbeit des Vereins einzu­tauchen und eigene Ideen umzusetzen. Für den theoretischen Einstieg beschäftigte ich mich einerseits mit der Geschichte von Schwarzen in Deutschland und andererseits mit dem 20-jährigen Bestehen von Joliba, welches dieses Jahr gefeiert wird. Zum prakti­schen Teil gehörten der Deutschunterricht und diverse Aufgaben im Beratungszentrum, die von einfacher Beratung bis hin zum interkulturellen Kochen reichten. Interessant war auch ein mehrtägiger Bronzegussworkshop oder das Vorbereiten von Ausstellungseröffnungen. Diese Arbeitsweise und so viele nette Menschen kennenzulernen, war für mich eine besondere Erfahrung.

 

Joliba e.V. ist ein interkulturelles Beratungs- und Begegnungszentrum am Görlitzer Park, das seit 20 Jahren Angebote für afrikanische Flüchtlinge und Migrant_innen sowie interkulturelle Familien konzipiert und durchführt.

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