Interviews mit Willkommensinitiativen

In Berlin haben sich 2015 vielfach Menschen für Geflüchtete eingesetzt und organisierten sich, um deren Situationen auf verschiedenste Arten zu unterstützen. Damit setzten sie den rassistischen Protesten, Bedrohungen und Angriffen ganz konkrete Unterstützung und Solidarität mit den Geflüchteten entgegen. An dieser Stelle soll die Sicht der vielen freiwillig tätigen Helfer_innen dargestellt werden. Die „Willkommensinitiativen“, die sich in vielen Stadtteilen Berlins gegründet haben, kämpfen in ihren Bezirken in unterschiedlichen Bereichen und in mehr oder weniger guter Zusammenarbeit mit der Verwaltung. Sie sind zum Teil rechtsextremer Bedrohung ausgesetzt und müssen mit Auseinandersetzungen und starker Arbeitsüberlastung zurechtkommen. Um einen Überblick über Arbeitsbereiche und Problemfelder der „Willkommensinitiativen“ zu bekommen stellten wir einigen von ihnen Fragen zur aktuellen Situation.

1. Willkommensinitiativen und die Landespolitik in der Frage zur Unterbringung von Gefüchteten

Wie ist der Kontakt eurer Initiative zur Politik? Gibt es eine wertschätzende Unterstützung durch die zuständige Behörde? Werdet ihr über wichtige Neuig­keiten informiert und als Akteur vor Ort in Entscheidungen einbezogen?

Kreuzberg hilft (KH): Wir haben gute Kontakte zur Bezirksverwaltung Friedrichshain-Kreuzberg. Diese stellte uns unter anderem nach langer Suche die Räumlichkeiten für unseren Spendenraum am Mariannenplatz zur Verfügung. Im Februar 2016 erhielt Kreuzberg hilf gemeinsam mit Friedrichshain hilf e.V. sogar den Sonderpreis des Be­zirks Friedrichshain-Kreuzberg für ehrenamtliches Engagement.
Mit Politiker_innen der Bezirks-, Landes- und Bundesebene der Grünen, SPD, Lin­ke und Piraten stehen wir regelmäßig im Austausch. Wir werden als Akteur vor Ort wahrgenommen und haben in den vergangenen Monaten von vielen Politiker_innen, insbesondere auf Bezirksebene, wertschätzende Unterstützung erfahren – sowohl ganz pragmatisch als auch ideell.
Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) ist in Berlin für die Un­terbringung und Versorgung von Geflüchteten sowie die Qualitätskontrolle in den Unterkünften zuständig. Seitdem es in Kreuzberg Notunterkünfte gibt, besteht auch hier Kontakt. Dieser hat sich in den letzten Wochen intensiviert, da Kreuzberg hilf nicht erfüllte Qualitätsstandards in zwei Kreuzberger Notunterkünften problematisierte und öffentlich machte.

Moabit hilft (MH): Auf kommunikativer Ebene mit der Politik würde ich uns nicht se­hen. Wir arbeiten viel enger mit den Behörden zusammen. Denn dort wird letztendlich die aktuelle Lage diskutiert und das passiert unabhängig von der Legislative. Von der Politik gibt es ab und zu neue Verordnungen an die wir uns dann halten müssen. Der aktive Prozess der Zusammenarbeit findet hier auf dem LaGeSo statt und hat sich seit Anfang des Jahres, auch durch die neue Leitung massiv gebessert. Die Strukturen haben sich gelockert und wir werden nun auch als Partner auf Augenhöhe in Entscheidungen mit einbezogen. Aber das hat lange gedauert und uns viel Kraft abverlangt. Wir mussten sehr hart dafür kämpfen.

Willkommensinitiative Lichtenberg (WILI): Ich denke, dass die Bürgermeisterin un­sere Arbeit wertschätzt. Sie kommt oft zu Festen. Einzelne Bezirkspolitiker_innen kommen zur Vorstellung der Willkommensinitiative im Bürgerforum Weitlingkiez. Dennoch sehe ich keinen Einbezug in Entscheidungen vor Ort. Wir erfahren keine Un­terstützung durch Landespolitik oder dem LaGeSo, lediglich eine Wertschätzung von den Vertreter_innen des Bezirks. Wichtige Neuigkeiten werden über unsere Treffen und den Emailverteiler der Willkommensinitiative Lichtenberg weiter gegeben.

Die Bedingungen für Geflüchtete in Massenunterkünften sind denkbar schlecht. Eine Willkommensinitiative kann aber nicht die Versäumnisse der Politik ausbü­geln. Von den Trägern werden Freiwillige zum Teil ausgenutzt und für Aufgaben eingesetzt, für die sie eigentlich bezahlte Kräfte einstellen müssten. Die Freiwil­ligen können aber die prekäre Situation für die Geflüchteten oftmals abmildern. Wie geht ihr mit diesem Widerspruch um, einerseits Menschen konkret zu helfen, aber dadurch andererseits diese Zustände mitzutra­gen?

KH: Der angesprochene Widerspruch ist natürlich da – es gilt von Situation zu Situation, von Person zu Person, abzu­wägen und auszuloten, ob (und inwiefern) die Gefahr der In­strumentalisierung der freiwilligen Helfer_innen bzw. der Initiative besteht. Wir sind bemüht, die Kommunikation mit den politischen Verantwortlichen, mit den Betreibern und Leiter_innen der Unterkünfte – auch und insbesonde­re in Konfliktsituationen – aufrecht zu erhalten. Dass diese Arbeit an zwei Standorten seit einiger Zeit durch Konflikte mit dem Betreiber der Unterkünfte erschwert wird, hält die Initiative nicht davon ab, auch dort weiter zu unterstützen – denn es geht um die Geflüchteten, denen ihr neues Leben erleichtert werden soll. Nicht nur hier wird deut­lich, dass das ehrenamtliche Engagement Grenzen hat und haben muss. Denn Ehrenamt sollte Hauptamt ergänzen und nicht ersetzen. Menschenwürdige Unterbringung und nachhaltige Integration der Neu-Berliner_innen sowie der Schutz von Ehrenamt sind zentrale Punkte des Engagements von Kreuzberg hilf, bei denen die Initiative auch die politischen Akteure des Bezirks in die Verantwortung nimmt.

Die Situation für die Gefüchteten ist nicht human und gleicht eher einer Aufbewahrung als Unterbringung.

Grundsätzlich gilt: Es wird sich zu viel auf ehrenamtliche Unterstützung verlassen. Ohne die zahlreichen Ehrenamtlichen sähe die Lage der Geflüchteten noch viel schlim­mer aus. Da stellt sich der eine oder die andere schon mal die Frage, ob wir durch unser Engagement nicht ein System aufrechterhalten, das wir in Teilen kritisieren. Es gibt keine „Flüchtlings-“ sondern eine Verwaltungskrise.
Trotzdem bieten wir innerhalb unserer Möglichkeiten konkrete Unterstützung nicht nur kurzfristig beim Aufbau der Betten oder bei der Registrierung und Erstver­sorgung der Menschen, sondern auch längerfristig beim Errichten von Trennwänden zum Schutz der Privatsphäre der Geflüchteten in den Turnhallen, der Koordinierung der ehrenamtlichen Arbeit und dem aufrechterhalten der Kommunikation zwischen den Ehrenamtlichen vor Ort, den Hauptamtlichen und den Betreibern.

MH: Mit dem Widerspruch gehen wir so um, dass wir das ständige Einfordern des Hauptamtes zu unserem täglichen Brot gemacht haben. Die Verbesserung auf dem Hof sowie die Abfertigung auf der behördlichen Ebene muss auf hauptamtlicher Basis passieren. Das ist für uns klar, und wir arbeiten daran, das zu erreichen. Wir können das auf Dauer nicht als Ehrenamt leisten. Ich glaube, ich spreche für die ganze Initiative wenn ich sage, das darf und kann nicht so weiter gehen.

Es gibt keine „Flüchtlings-“ sondern eine Verwaltungskrise.

Daneben geht von den Geflüchteten selbst ein großes Be­dürfnis aus, von Fachkräften betreut zu werden. Als solida­rische Stimme für diese Menschen fordern wir genau dies. Darüber hinaus sehen wir uns auch als Organ, das die mi­serablen Bedingungen in Not- und Massenunterkünften anprangert. Die Situation für die Geflüchteten ist nicht hu­man und gleicht eher einer Aufbewahrung als Unterbrin­gung. Dabei sind wir einiges gewohnt. Zum Beispiel bei Eis und Schnee 100 Meter über den Hof zur Dusche zu rennen oder mit neugeborenen Babys in Turnhallen zu übernachten. Damit kann man vielleicht noch leben. Aber uns läuft es kalt den Rücken runter, wenn wir hören,
dass jemand eine Kostenübernahme für das Tempelhofer Feld bekommen hat. Menschen zu einer Integ­rationsunfähigkeit zu drängen, indem man sie mit 7000 Leuten auf einem ehemaligen Flughafen unterbringt, hat nichts damit zu tun, was wir uns unter Solidarität mit Geflüchteten oder einer menschenwürdigen Aufnahme vorstellen.

WILi: Wir tauschen uns regelmäßig über unsere Erfahrungen aus und sprechen über eigene Grenzen. Wir versuchen gemeinsam politische Positionierungen zu entwickeln, wie zum Beispiel durch die Mitarbeit an dem gemeinsamen Appell der Berliner Will­kommensinitiativen. Der Appell ist ein Offener Brief von 30 ehrenamtlichen Berliner Unterstützergruppen an den regierenden Bürgermeister angesichts der Situation der Geflüchteten in Berlin, der im Februar veröffentlicht wurde.
Darin werden Missstände in der Unterbringung, Versorgung, bezüglich der Rechte und Perspektiven für Geflüchtete benannt und die zuständigen Politiker_innen zum Han­deln aufgefordert. Kritisiert wird auch, dass Ehrenamtliche unentgeltlich grundlegende staatliche Versorgungs- und Beratungsaufgaben übernehmen.
Gerade sind wir auch dabei, eine Veranstaltung mit Bezirkspolitiker_innen zu organi­sieren. Insgesamt geht es uns darum, nicht nur Hilfsangebote für Geflüchtete anzubie­ten, sondern gemeinsam mit ihnen zusammenzuarbeiten und ihre politischen Forde­rungen zu unterstützen.
Das ist bei allem Engagement von der Basis her der Widerspruch. Man kann – neben der eigenen Grenze – nur politisch damit umgehen. Es scheint allerdings, dass der Wi­derspruch in Berlin besonders stark ist und demgegenüber kollektive Reaktionen eher schwach. Woran das liegt, wissen wir nicht. Individuelles Vorgehen in Bezug auf konkrete Mängel in Unterkünften finde ich schwie­rig zu handhaben, ich bin nicht mehr „außen“.

2. Situation für Gefüchtete

Wie gestalten Geflüchtete ihren Alltag in der Unterkunft? Gibt es selbstorgani­sierte Gruppen die sich für Austausch und Unterstützung treffen?

KH: In dieser Hinsicht beziehen wir uns auf die Erfahrungen, die wir im Rahmen unse­rer ehrenamtlichen Tätigkeit für die Bürger_inneninitiative Kreuzberg hilft an den vier Kreuzberger Notunterkünften gesammelt haben. Die Aktivitäten der Initiative be­schränken sich nicht nur auf diese Einrichtungen (so beliefern wir berlinweit Einrich­tungen für Geflüchtete mit Sachspenden) doch haben wir in Kreuzberg, insbesondere in den Notunterkünften, den kontinuierlichsten und engsten Kontakt zu Bewohner_innen sowie den dort Haupt- und Ehrenamtlichen aufgebaut.
In den Kreuzberger Notunterkünften gibt es kein Organ der Selbstverwaltung der Geflüchteten. Wir haben das den Betreibern der Unterkünfte wiederholt vorgeschlagen und würden das sehr begrüßen. Bislang ist diesbezüglich jedoch leider nichts geschehen. Der Alltag wird nach wie vor stark von Behördengängen und durch den Besuch von Deutschkursen beziehungsweise – bei den Kindern und Jugendlichen – durch den Schul­besuch strukturiert. Langeweile und Resignation sowie zunehmendes Unverständnis, gepaart mit Ärger darüber, dass von Verwaltungsseite wenig Wahrnehmbares zur Ver­besserung der Situation beigetragen wird, sind weit verbreitet.
Freiwillige Unterstützer_innenkreise, bestehend aus ehrenamtlichen Helfer_innen, gibt es an allen vier Notunterkünften. Sie unterstützten von Anfang an bei der Einrichtung der Unterkunft und der Registrierung der Geflüchteten und unterstützen immer noch – in unterschiedlichem Umfang – bei der Essensausgabe, in den Kleider­kammern, bei der Kinderbetreuung, bei Arzt- und Behördengängen und bieten Frei­zeitangebote für die Geflüchteten an. „Kreuzberg hilf“ koordiniert die Kommunikation zwischen Ehren- und Hauptamtlichen, zwischen Einrichtungsleiter_innen, Betreibern und Helfer_innen, beliefert vom Spendenraum am Mariannenplatz aus bedarfsspezifisch die Einrichtungen Kreuzbergs und berlinweit mit Kleidern und Sachspenden und organisiert einmalige Frei­zeitangebote (z.B. Besuche von kulturellen und sportlichen Events) und kontinuierliche Programme (Yoga, Klettern, Kochen, Kunstwerkstätten, Fotoworkshops und anderes).

MH: Da wir uns als Initiative gerade hauptsächlich um die Grundversorgung kümmern müssen, können wir leider nur einen kleinen Teil von dem abdecken, was eigentlich benö­tigt wird. Aber wir bemühen uns um Beschäftigungsstellen und natürlich auch den Geflüchteten ein vernünftiges Dasein zu ermöglichen. Wir versuchen mit den Bewohnern_innen gemeinsam ihre Freizeit zu gestalten und Dinge zu machen, die Ihnen Spaß machen. Wir gehen zum Beispiel Bowlen oder Rollschuh fahren. Manchmal organisieren wir Veranstaltungen oder gehen in eine Shisha-Bar.
Leider sieht die Situation in Berlin aber so aus, dass ein Großteil der Geflüchteten vor sich hin vegetiert. Wir lassen schlichtweg Potenziale flöten. Der Grund sind die War­tezeiten auf Papiere und eine Arbeitserlaubnis und danach auf Arbeitsmöglichkeiten.
Geflüchtete Menschen müssen über Monate hinweg auf die Bearbeitung ihrer Anträge warten. In dieser Zeit haben sie keine Arbeit und leben in Ungewissheit, wie es weiter­geht. Das macht mürbe. Ich würde mir sehr wünschen, dass man das Potenzial viel frü­her begreift und den Menschen eine Chance gibt, Unterricht und Arbeit zu bekommen. Denn sie wollen das meistens von der ersten Minute an, nur schaffen sie es nicht. Deswegen freuen wir uns eigentlich auch, dass wir die Möglichkeit haben, hier am LeGeSo gemeinsam etwas zu tun. Hier ist es ein Geben und Nehmen zwischen den Menschen, die hier ankommen und den Ehrenamtlichen. Das Verhältnis zwischen den Bewohnern_ innen und den Ehrenamtlichen ist sehr freundschaftlich. Wir reden über ihr Empfinden und können so unheimlich viel von den Menschen hier vor Ort lernen. Insbesondere was wir als Ehrenamtliche beziehungsweise als Gesellschaft tun können, um für ihre Integration unterstützend zu sein.

WILi: Ich kenne nur eine Unterkunft, eine Notunterkunft (NUK), dort kann ich es schwer beurteilen. An einem Fest haben sich Bewohner_innen vorgestellt, die die Orga­nisation gewisser Dienste im Heim mitgestalten. Es gibt viele Dolmetsch-Dienste von Bewohner_innen. Ich weiß allerdings nicht, ob es darüber hinaus eine Selbstorganisie­rung gibt, in der es um eine Gestaltung der eigenen Bedürfnisse geht. In zwei Unterkünf­ten befinden sich gerade Bewohner_innenräte im Aufbau.

Gibt es rassistische/rechtsextreme Anfeindungen aus dem Umfeld der Bevölke­rung gegen die geflüchteten Menschen?

KH: Offensive rassistische / rechtsextremistische Anfeindungen sind uns nicht bekannt. Durchaus verbreitet war jedoch zu Beginn der Einrichtung der Unterkünfte bei einigen Menschen in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Skepsis gegenüber den neuen Nachbar_innen. Formen des Alltagsrassismus mögen vorkommen, doch zeichnet insbeson­dere die Kreuzberger_innen durch große Aufgeschlossenheit gegenüber den Neuhinzu­gezogenen und ein breites Interesse an interkulturellem Austausch aus.

MH: Temporär gibt es sehr viele, vor allem verbale Übergriffe. Menschen die in der U-Bahn einfach rumschreien und Personen beschimpfen, die sie als Geflüchtete identifizieren. Manchmal wird konkret versucht Angst zu machen, indem mit Verfolgung ge­droht wird. Stark ist auch der Rassismus im Alltag. Mir fällt auf, dass dafür häufig die Sensibilität fehlt. Zum Beispiel bekomme ich mit, dass sich Menschen über Geflüchtete im Meldeamt beschweren. Dann gibt es Situationen im Supermarkt, da wird sich lautstark gewundert, warum die da schon wieder so viele Windeln kauft. Vielleicht werden die für Kleinkinder im Heim gebraucht. Aber so weit denkt niemand und das sind Bei­spiele für den ganz alltäglichen Rassismus der schon bei Banalitäten anfängt. Das kann ich wirklich nicht mehr hören. Da fragt man sich, ob solche Vorfälle nun unbedingt immer übergriffig sein müssen, um schmerzvoll zu sein.

WILi: Hier direkt in Lichtenberg habe ich nichts über direkte Anfeindungen gehört. Ich empfinde die Stimmung auf der Straße oder auf Verkehrsstationen als gleichgültig bis distanziert, leicht ablehnend – aber es kann auch Ausdruck der Härte des Alltags hier in der Gegend sein.
Besonders deutlich wurden Anfeindungen in Falkenberg (im Norden Hohenschönhau­sens), wo es zum Teil zu massiven Bedrohungen und daraufhin Begleitschutz für Bewohner_innen kam, die sich nicht mehr aus der Unterkunft auf die Straße trauten. Auch einzelne körperliche Angriffe sind bereits im Lichtenberger Register erfasst. Auf verschiedenen Bürger_innenversammlungen wurde eine aggressive Stimmung deutlich und es kam zu einzelnen expliziten Bedrohungsäußerungen und rassistischer Hetze.

3. Situation für Willkommensinitiativen

Wie sieht die Realität der Helfenden aus, werdet ihr von rechtsextremer Seite bedroht? Wie geht ihr damit um?

KH: Damit haben wir keine Erfahrungen.

MH: Ja wir werden durchaus bedroht. Gerade nach der Sache mit Dirk V., vergangenen Jahres, als es zu diesem erfundenen Toten kam und wir damit direkt in Verbindung gebracht wurden, wurde es schlimm. Es hat sich sehr schnell herauskristallisiert, dass wir eine Art neuer Klassenfeind geworden waren. Es gab Vorfälle, bei denen uns eine tote Maus auf den Fußabtreter gelegt wurde, Türen wurden mit Bauschaum verklebt. Es gab viele bedrohliche Anrufe in denen mir gesagt wurde, wo sich mein Sohn gerade auffällt. E-Mails gab es auch viele, in denen uns geschildert wurde, wie wir umgebracht werden sollten. Einer wollte uns an einer Kette aufhängen, erschießen oder anzünden, also ich glaube jegliche Form der Tötungsmethode wurde uns suggeriert. Und auf Facebook auch. Bei vielen ist erkennbar, dass es frustrierte Menschen sind, die wenig von der aktuellen Lage verstehen. Viel gruseliger ist es, wenn sie Details über dein Leben wissen. Wenn sie wissen wie deine Mutter heißt und wo sie wohnt. Das macht schon Angst. Glücklicherweise hat das in der letzten Zeit wieder abgenommen. Vielleicht ste­hen nun andere im Fokus.

WILi: Ich persönlich werde bis jetzt nicht bedroht. In Einzelfällen kam es zu persönlichen Bedrohungen, auch durch beispielsweise Abfotografieren von Helfenden vor der Unterkunft von vorbeifahrenden Autos.

Aus welchen Gründen kommen Helfer_innen zu euch? Gibt es Widersprüche und wie wird mit unterschiedlichen Meinungen umgegangen?

KH: Die Gründe, warum Helfer_innen zu uns kommen sind wahrscheinlich ähnlich he­terogen zusammengesetzt wie unsere Unterstützer_innen. Allen ist gemein, dass sie die Situation der Geflüchteten in Berlin verbessern wollen. Dies tun sie, indem sie die viel­fältigsten Kompetenzen in ganz unterschiedlichem zeitlichem Umfang einbringen. Die Meinungen gehen in Detailfragen natürlich auch mal auseinander. Wir sind basisdemo­kratisch organisiert und alle zentralen Entscheidungen werden in einem wöchentlichen Plenum abgestimmt.

MH: Jede_r hat natürlich seine ganz eigene Motivation herzukommen. Wir haben hier verschiedenste Lebensläufe auch von jung bis alt ist alles bei uns vertreten. Da ist die Omi, die anstatt in den Strickkurs jetzt hierher kommt, um Geflüchteten zu helfen. An­dere sehen es als ihre gesellschaftliche Verantwortung und als ihren Anteil, den sie ein­bringen. Wiederrum andere kommen eher aus Langeweile und fehlendem Lebensinhalt würde ich sagen. Das sind meistens diejenigen, die relativ schnell frustriert wieder ab­dampfen, weil sie merken sie kommen hier auch nicht weiter. Außerdem sind viele der Geflüchteten selbst als Ehrenamtliche bei uns. Das Wichtigste ist einfach die Humani­tät und der respektvolle Umgang untereinander auf Augenhöhe.
Insgesamt sehe ich uns aber nicht als Ersatz für klassische Sozialarbeiter_innen – Auf­gaben beziehungsweise für Selbstverständlichkeiten der Asylbewerberleistungsgesetze. Für mich ist es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe genau darauf aufmerksam zu ma­chen und zu sagen, dass es so nicht funktionieren kann und auch nicht weitergehen darf.

WILi: Menschen kommen aus unterschiedlichen Gründen. Zum Teil suchen sie in erster Linie einen Überblick über Möglichkeiten der Unterstützung und nutzen die Willkom­mensinitiative Lichtenberg mehr als Vermittlungsinstanz. Sobald sie ihren Ort gefun­den haben, nehmen sie nicht mehr regelmäßig an den Treffen teil. Andere suchen besonders den Austausch mit anderen Helfenden (und Initiativen) und wollen ihr Engagement mit politischen Positionierungen verbinden, während manche dies explizit nicht wollen. Die verschiedenen Positionen und die Suche einzelner Personen nach ihrer jeweiligen Form der Unterstützung sind unter dem Dach der Willkommensinitiative Lichtenberg möglich, da wir an verschiedenen Orten Lichtenbergs in unterschiedlichen Settings ak­tiv sind.

4. Sexualisierte Gewalt

Ist das Thema sexualisierte Gewalt bei euch aktuell? Wer redet wie darüber? Wie gehen die Geflüchteten mit den Vorwürfen um?

KH: Von konkreten Vorwürfen ist uns nichts bekannt. Generell ist es aus unserer Sicht wünschenswert, die hauptamtlichen Stellen so zu besetzen, dass jede/r eine Ansprech­person hat. Dafür ist es beispielsweise notwendig, auch weibliche Sicherheitskräfte ein­zustellen.

MH: Bei den Bewohner_innen hier im Haus wurde das Thema natürlich vor dem Hinter­grund der Vorfälle in Köln aktuell. Ein junger Syrer, der ist so Mitte 20, hat mit einigen anderen ein Video gedreht, um deutlich zu machen, dass sie nichts mit den Tätern ge­meinsam haben und in keiner Verbindung zu ihnen stehen. Allgemein haben wir von Moabit hilft zu dieser vor Köln – nach Köln Debatte eine klare Haltung. Für uns gibt es kein vor Köln – nach Köln.
Ich denke, dass sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft gang und gäbe ist. Etwas alltägliches, dass wahrscheinlich jedes Mädchen auch schon mal erlebt hat. Diese ganze Diskussion sollte unabhängig von Nationalität oder Herkunft geführt werden. Es gibt einen bestimmten Punkt und der darf nicht überschritten werden. Weder von Deut­schen, noch von Geflüchteten noch von sonst irgendwem. Wo diese Person herkommt ist doch egal.
Ich glaube, dass das in unserer Gesellschaft nicht anders ist als unter Geflüchteten. Denn schließlich ist es auch eine Frage der Erziehung. Entweder man hat eine und weiß wie man sich benimmt, oder du bist ein Arschloch. In der Hinsicht gibt es nur die zwei Sachen.

WILi: Das Thema wurde auf einem Treffen von einer Vertreterin der Beratungsstelle Balance angesprochen. In den Netzwerken und Arbeitsgruppen(-kreisen) geht es viel darum, wie Frauen* und Kinder davor geschützt werden können. Das Familienplanungs­zentrum Balance und Netzwerkpartner_innen setzten sich sehr dafür ein, denn das Thema ist komplex: strukturell, personell, zwischenmenschlich und auf der Ebene der Maßnahmen und Materialien und Ressourcen werden hiesige Debatten geführt. Darü­ber informieren wir regelmäßig in der Willkommensinitiative. Leider wird wenig davon auch wirklich umgesetzt.
Aus dem Kontakt mit der Unterkunft habe ich keine Hinweise, das will aber nichts hei­ßen. Im Deutschunterricht wird es selten so persönlich, dass dort solche Themen ange­sprochen werden. Weder von den Bewohner_innen, noch von mir.

 

Kreuzberg hilft – eine Bürger_innen-Initiative zur Unterstützung geflüchteter Menschen, gründete sich Ende August 2015, um einen stadtteilbezogenen Bei­trag zur akuten Unterstützung der nach Berlin geflüchteten Menschen zu leisten. Seit der Gründung wuchs die Initiative schnell auf einige hundert Menschen. Ne­ben der Verteilung von Sachspenden an geflüchtete Menschen gab es von An­fang an den Wunsch auch mit den Geflüchteten Unternehmungen zu organisieren, mit dem Ziel den Neuberliner_innen ihr Ankommen in Deutschland zu erleichtern und ein Miteinander auf Augenhöhe zu etablieren. Die Initiative entwickelt seither kontinuierlich Projekte und Programme, die auf ehrenamtlicher Basis regelmäßig durchgeführt werden. Kreuzberg hilft ist auf Spenden und ehrenamtliche Hilfe an­gewiesen, um das Engagement für und mit Geflüchteten fortzusetzen. Wer sich einbringen oder etwas spenden möchte, kann sich gerne an uns wenden.

Moabit Hilft ist eine Initiative die sich solidarisch für Geflüchtete einsetzt. Sie wurde im September 2013 von Diana Henniges gegründet: „Wir betreuen Geflüchtete z.B. bei der Wohnungssuche, Behördengängen oder organisieren Deutschunterricht. Aktuell ist unser zentraler Angelpunkt die humanitäre Versorgung am LaGeSo. Dort stehen wir rund um die Uhr bereit und verteilen Lebensmittel und Hygie­neartikel an Geflüchtete, deren Leistungen ausgesetzt wurden. Moabit Hilft e.V. funktioniert nicht nach hierarchischen Strukturen, jeder kann sich dort engagieren und auf Augenhöhe gemeinsam mit Ehrenamtlichen und Geflüchteten helfen. Wir finanzieren uns hauptsächlich über Spenden, aber auch über Drittmittel oder Stif­tungsgelder und über den Erlös unseres Ladengeschäfts.“

Willkommensinitiative Lichtenberg Im Augenblick gibt es im Bezirk Lichtenberg mehrere Sammelunterkünfte und Erstaufnahmeeinrichtungen für geflüchtete Menschen. Personen aus verschiede­nen Initiativen, Schulen, Vereinen und sozialen Einrichtungen und Engagierte aus den Bezirken haben Ende 2014 die Willkommensinitiative Lichtenberg gegründet. Ziel ist es, die große, ehrenamtliche Hilfsbereitschaft der Lichtenberger_innen sinnvoll und nachhaltig zu koordinieren.