Genormt und verformt. Wie rassistisch sind die Medien?

Sprache konstruiert Wirklichkeit. Sie strukturiert alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens. Was bedeutet das genau? Ein Mensch, eine Frau, ein Geflüchteter: Welche Vorstellungen werden mit diesen Begriffen verknüpft? Und: Welchen Unterschied machen Begriffe wie: Häuptling, Stammesführerin oder Volksvertreter? Was vermittelt die Überschrift: „Afrika versinkt im Elend“?

 

Wer sich mit dem Thema Rassismus in den Medien auseinandersetzt, muss sich die Frage nach seinem Wesen, seiner Sprache und seiner Funktion stellen. Zeitungen, Radio und das Fernsehen transportieren Meinungen, bilden sie ab und übernehmen alltägliches Denken. Sie stellen Deutungsangebote bereit, mit denen sie Einfluss darauf üben, was in der Gesellschaft als relevant gilt und was nicht. Medien haben eine Autoritätsfunktion und schaffen Identifikation. Sie spitzen zu und reproduzieren Bilder und Haltungen einer Gesellschaft – auch rassistische. Das zeigt sich auch in der Sprache und Darstellung von Schwarzen Menschen, denen bestimmte Rollen zugeschrieben werden. Wer die Medienlandschaft analysiert, stößt nicht selten auf „versteckte Rassismen“. Die Gründe dafür sind vielfältig: Unwissenheit, Desinteresse oder weil bestimmte Bilder zwar eine lange, rassistische Vorgeschichte haben, aber für viele einfach immer schon so waren und wenige sie hinterfragen. Es macht Sinn, sich sprachkritisch mit Texten und deren Bildern auseinanderzusetzen. Sechs Jahre war von „Döner-Morden“ die Rede, weil die Opfer der Mordserie stereotyp als „Döner-Verkäufer“ bezeichnet wurden. Zudem wurden hinter der Mordserie Täter aus dem türkischen Drogenmilieu vermutet. Dabei töteten die Mitglieder des rechtsextremen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zehn Menschen. Als diese Wahrheit 2011 ans Licht kam, zierte der Begriff noch eine Weile die Schlagzeilen, bis die Einsicht über seinen verharmlosenden und rassistischen Charakter kam und der Begriff zum Unwort des Jahres 2011 gewählt wurde. Leider hat diese Erkenntnis zu keinem generellen medialen Umdenken oder mehr Reflektieren über das gesellschaftliche (Selbst) Bild und Rassismus in der deutschen Sprache geführt. Noch immer gibt es zuhauf diskriminierende und rassistische Unwörter und Bilder, die rege gebraucht werden.

Wer bestimmt, was rassistisch ist: Blackfacing

Die Wahrnehmung in der weiß-deutschen Kultur- und Medienlandschaft ist von einer beharrlichen Deutungshoheit über das geprägt, was als rassistisch bezeichnet wird. Nicht sein kann, was nicht so gemeint ist. Dieser Argumentation begegnen Schwarze Menschen immer wieder, wenn sie versuchen auf rassistische Praxen aufmerksam zu machen. Wie zum Beispiel in der 2011 aufgekommenen Mainstream – Debatte über das an deutschen Theatern praktizierte so genannte „Blackfacing“. Es bezeichnet eine rassistische Schauspieltradition, bei der weiße Menschen schwarz geschminkt werden. Diese Tradition geht auf die amerikanischen „Minstrel Shows“ von 1830 zurück, bei der bemalte Weiße das Klischee vom ewig fröhlichen Schwarzen verkörperten. Das rassistische „Stilmittel“ wurde auf den Bühnen der USA der 1920er Jahre eingesetzt, um Schwarze Menschen lächerlich zu machen und um ihnen gleichzeitig den Zugang zu den Bühnen zu verwehren.

In den USA gilt Blackface bis heute als Symbol für das Trauma des Rassismus und der Sklaverei. Doch die rassistische Maskerade ist kein rein amerikanisches Stilmittel. In der britischen und französischen Kultur gilt sie als Ausdruck des Rassismus in der Kolonialzeit. Karikierende oder stereotypisierende Darstellungen von Afrikaner_innen gehören beispielsweise zur frühneuzeitlichen Karnevalstradition oder der Darstellung Schwarzer Menschen in DEFA-Filmen. Für Aufregung sorgte zuletzt Günter Wallraff, der sich 2009 für seinen Film „Schwarz auf Weiß“ in einen „Afrikaner“ verwandelte. Übertragen auf die aktuelle Situation in Deutschland – wo laut der Erfahrungen Schwarzer Schauspieler_innen zu wenig Rollen zur Verfügung stehen, um sie in einem Ensemble zu beschäftigen – ist „Blackfacing“ ein Ausdruck dieser Ausgrenzung. Anders als in England oder Amerika ist es in Deutschland für Schwarze Schauspieler-in bis heute schwer, im Theater Fuß zu fassen. Während in England ein Schwarzer Macbeth heute zum Theateralltag gehört und viele Schwarze Schauspieler_innen in Ensembles beschäftigt werden, sind sie in Deutschland weiter auf wenige Rollen festgelegt. Zudem wird die Geschichte des Rassismus fortgesetzt, wenn weiße Schauspieler_innen schwarz geschminkt werden – selbst wenn sie keinen minderwertig dargestellten Charakter darstellen.

Im November 2011 wurden dem Deutschen Theater in Berlin die Aufführungsrechte für das Stück Clybourne Park wieder entzogen, unter anderem, weil der Autor, Bruce Norris, des Stückes „Blackface“ ablehnte und nicht wollte, dass sein Stück damit in Verbindung gebracht wird. Einen größeren medialen Aufschlag brachte aber die weiterführende Debatte Anfang 2012, als der weiße Schauspieler Joachim Bliese für eine Rolle als Schwarzer Rentner in „Ich bin nicht Rappaport“ am Steglitzer Schlosspark schwarz geschminkt wurde. Kurz darauf: In Michael Thalheimers Inszenierung von Dea Lohers Stück „Unschuld“ am Deutschen Theater treten, so der Text, zwei „illegale schwarze Immigranten“ auf, die an diesem Abend mit schwarz angemalten Gesichtern und dicken, rot bemalten Lippen gezeigt werden. Schwarze Aktivist_innen, Autor_innen, Produzent_innen, Künstler_innen und Schauspieler_innen wollen sich mit dieser Situation nicht zufrieden geben. Die Medien berichten unterschiedlich, nicht immer mit Verständnis über den Sturm der Entrüstung und geben der Debatte über die Grenzen künstlerischer Freiheit ein öffentliches Gesicht. Zahlreiche Gruppen und Initiativen formieren sich, um eigene Produktionen auf die Beine zu stellen und weiterhin Kritik an der deutschen Kultur- und Medienlandschaft auszuüben. Die aus der Kampagne gegen „Blackfacing“ hervorgegangene Gruppe „Bühnenwatch“ ist inzwischen eine feste Konstante in der Diskussion um Rassismus an deutschen Theaterhäusern. Beispielsweise demonstrierten über 40 Aktivist_innen, indem sie während einer Vorstellung von „Unschuld“ am Deutschen Theater demonstrativ den Saal verließen.

Koloniale Altlasten: Die N-Wort Debatte

In Deutschland wird nicht gerne über Rassismus gesprochen, was sich in der mangelnden Aufarbeitung der kolonialen Geschichte Deutschlands zeigt3. Ein aktuelles Beispiel dafür ist auch die mediale Verrenkung, mit der 2012/2013 auch der Fortbestand diskriminierender Begriffe in Kinderbüchern verteidigt wurde. Die Mainstream-Debatte wurde durch ein Interview mit Bundesfamilienministerin Kristina Schröder und der Entscheidung des Thienemann Verlags ausgelöst, der entschieden hatte, diskriminierende Wörter wie das n-Wort[1] aus Ottfried Preußlers „Kleine Hexe“ zu streichen. Zeit-Journalist Ulrich Greiner empörte sich daraufhin, wie man „in der menschenfreundlichen Absicht, auf die Gefühle von Minderheiten Rücksicht zu nehmen“ zur „Zensur“ greife. Ob wir auf dem Weg zur „Trottelsprache“ wären, fragte Spiegel-Autor Jan Fleischauer. Zuletzt machte ARD-Buchmann Denis Scheck in Black-face-Tradition, mit schwarz angemaltem Gesicht und weißen Handschuhen, ganz offen eine Anspielung auf die rassistische Tradition der Minstrel-Shows. Auf die „Absurdität der Diskussion“ habe er mit Mitteln der Satire reagieren wollen, hieß es in einer Erklärung.

Das N-Wort steht als Beispiel einer verdrängten Geschichte. Die Begegnung mit dem N-Wort zählt zu den alltagsrassistischen Erfahrung Schwarzer Menschen – aus langer Tradition. Die Bezeichnung weist eine lange gewaltvolle Geschichte auf. Erinnert sei an das Lied und die Geschichte der „Zehn kleinen N.-lein“ von 1884. Das Jahr, in dem in Berlin die „Kongokonferenz“ über die Aufteilung Afrikas am grünen Tisch entschied. Zusammen mit dem deutschen Imperialismus prägte sich mit dem N-Wort ein zunehmend herablassender Blick auf Schwarz positionierte Menschen ein, den schon Kant in seinen Vorlesungen 1791 skizzierte: Sie seien wie Kinder und benötigten Erziehung, zudem hätten „die N. von Afrika […] von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“

Immer wieder wurde unter Zuhilfenahme von damals noch für wissenschaftlich gehaltene Thesen darauf hingewiesen, dass „dem „N“ bestimmte stereotypische Eigenschaften „angeboren“ seien: „naturnah“, „wenig intelligent“, „impulsiv“ oder „wild“. Diese klar rassistischen Ansichten tragen ihre Spuren bis in die heutige Zeit hinein. Grada Kilomba, Professorin für Postkoloniale Studien, definiert sie in ihrem Essay „das N-Wort“ als Reinszenierung kolonialer Szenen, die das Gefühl von Unterlegenheit vermitteln. Erinnert sei an den Völkermord der Deutschen an den Herero und Nama im heutigen Namibia Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals und später zählte Rassismus zum guten Ton und die Welt wurde von Kolonialismus und Antisemitismus geprägt. Es war normal, bestimmte Menschen abzuwerten und ihnen Namen zu geben. Schwarze Menschen in Deutschland wurden nicht dazu befragt und werden es heute auch nicht. Stattdessen werden sie zu Fremden gemacht, die aus der Minderheitenecke rufen und sich am deutschen Kulturgut vergreifen wollen. Dabei sind in Deutschland seit vielen hundert Jahren nicht alle Menschen weiß und damit auch nicht alle Leser_innen.

„War nicht so gemeint“ oder ein: „Sei doch nicht so empfindlich“ sind gängige Antworten, die auf Kritik an Sprache und Darstellung folgen. Das zeigte sich auch in der so genannten Kinderbuchdebatte. Unzählige Talkrunden und Kommentare wurden zum Thema Political Correctness verfasst und der Frage, ob und wann sie sein muss. Die Frage: Muss mit dem N-Wort ein Teil des deutschen Kulturgutes bewahrt werden? „Die kleine Hexe ist ein Synonym für eine innere Leitkultur, die nicht auf Veränderungen reagieren will“, schrieb der „Süddeutsche“-Feuilletonchef Andrian Kreye. Politische Korrektheit beschreibt er als Kampfbegriff, mit dem man nichts anderes als ein Gerechtigkeitsverständnis diskreditiere. „Was macht ein Kinderbuch zum zeitlosen Kunstwerk? Ist es die packende Geschichte, die spannende Sprache – oder die Aura des Originals?“, fragt Daniel Bax in einem taz Artikel. Der Direktor des Instituts für Jugendbuchforschung Hans Heino Ewers wirft der Literaturkritik „Scheinheiligkeit“ vor und erklärt in einer Stellungnahme, dass zeitgemäße, sprachliche Anpassungen in Kinderbüchern wichtig und alltäglich sind, weil Kinder abwertende Begriffe auf sich selbst und auf andere beziehen. Grimms Märchen etwa würde kaum jemand im Original vorlesen. Michael Ende nannte noch zu Lebzeiten in Jim Knopf das Land „China“ in „Mandala“ um, weil er sich mit dem System dort nicht identifizieren konnte. Charles Dickens strich in späteren Auflagen von „Oliver Twist“ antisemitische Untertöne.

Die Entstehung der Anderen

Diskriminierende Begriffe für Menschen, Bilder von kopftuchtragenden Frauen mit mehreren Kindern und einer Aldi-Tüte in der Hand, falsche Zahlen was die Zuwanderung von Menschen aus Rumänien und Bulgarien angeht, in denen die Herkunft der Täter_innen thematisiert wird oder die subtile Beeinflussung durch Polizeimeldungen, obwohl der Pressekodex die Erwähnung von Nationalität oder Aussehen missbilligt, außer es handelt sich um eine Fahndungshilfe. All diese medialen Darstellungen haben sich in den letzten Jahren nicht geändert. Die Art der Stereotypisierung Schwarzer Menschen in den Medien bezeichnet Kilomba als „Dezivilisierung“ und „Primitivierung“. Sie verkörpern meist Gewalt und Strukturlosigkeit, während die Mehrheitsgesellschaft als das genaue Gegenteil gilt. Der Grund dafür ist geschichtlich verankert. Um das gesellschaftspolitische Konzept der Sklaverei und des Kolonialismus zu legitimieren, erfand Europa vor hunderten Jahren „sein Afrika“. Konstruiert wurde ein Bild des Kontinents als das homogene und unterlegene „Andere“, das der „Zivilisierung“ bedarf. Die Sprache war dabei ein wichtiges Kriterium, was sich in der kolonialen Benennungspraxis zeigt, die Selbstbezeichnungen gänzlich ignorierte. So sind es auch heute Bilder des sogenannten „schwarzen Kontinents“, in denen sich Sehnsüchte von Safari – Tourismus und unberührter Wildnis mit grausamen Kriegsbildern und denen von Goldkettchen behangenen Gangstern oder lustigen Dummköpfen ohne Persönlichkeit vermischen. So kommt es auch, dass in den wenigsten Fällen Schwarze Menschen in der Berichterstattung intellektuell oder im Fernsehen nur in Ausnahmefällen als Anwälte oder Lehrer zu sehen sind. Hinzu kommt der Exotismus, als eine Form von Rassismus, der Schwarze Menschen „positiv“ kategorisieren soll: Zum Beispiel damit, dass sie von Natur aus tanzen oder singen könnten, ausgelassen oder temperamentvoll seien.

Ein Blick auf die thematische Darstellung „Afrikas“ zeigt beispielsweise, dass sie seit Jahrzehnten dieselbe ist. So wiederholen sich die Stereotypen des Kontinents und die permanente Überbetonung von „Schwarzsein“, verewigt das kolonialhistorische Bild von „Afrika“ als Inbegriff der „Dunkelheit“. Die Assoziation von „schwarz“ mit dem Bösen und irrationalen und „weiß“ mit dem Guten und Vernünftigen reicht bis in die Antike und die Anfänge des Christentums zurück. Die Kategorien „Schwarz“ und „weiß“ wurden Teil eines Systems, in dem sich Kolonisierende und Kolonisierte gegenüberstanden. Die Unterscheidung von Schwarz und weiß ist hierbei nicht als Beschreibung von Hautfarbe zu verstehen, sondern als ein gesellschaftliches Machtverhältnis. Es geht nicht darum, wie Rassismus empfunden wird, sondern darum, wer ihn definiert. Doch ist er erwiesener-maßen ein Phänomen der Mitte. Menschen können rassistisch handeln oder sich einer rassistischen Sprache bedienen, obwohl Schwarze Menschen zu ihrem sozialen Umfeld gehören, sie Neonazis verabscheuen und die Verbrechen des Holocausts verurteilen. Eine derartige Argumentationsrichtung lässt sich oft in den Medien ablesen: So wird einerseits in Beiträgen der Neonazi kritisiert, weil auf den naturgemäß keiner etwas hält. Und andererseits wird über „Farbige“[2] geschrieben oder unverkrampft das N-Wort für Schlagzeilen, Buchtitel zu Marketingzwecken gebraucht und immer wieder reproduziert. Die ZEIT erinnerte in ihrem vieldiskutierten Dossier zur Kinderbuchdebatte mit dem Titel „Kinder, das sind keine N*“ auch an die Veröffentlichung von Axel Hackes Buchreihe: „Der weiße N* Wumbaba“ von 2004 und seine Fortsetzung in 2007.[3]

Obwohl der Fokus zwischen Aids, Korruption, Hungersnöten und Konflikten heute mehr als früher variiert, sind doch die meisten Themen der Afrikaberichterstattung meist noch Teil eines Klischees. Es entsteht der Eindruck, dass es egal ist, aus welchem afrikanischen Land berichtet wird, da dort überall die gleichen negativen Probleme zu beobachten sind. Diese Verallgemeinerungen beruhen vornehmlich darauf, dass medientaugliche Einzelfälle fortwährend als Bestätigung und Erweiterung der bekannten, erwarteten und begreifbaren Klischees inszeniert werden. Deshalb wird „Afrika“ auch heute noch vom Großteil als homogener, gleich bleibender Raum konstruiert, der sich aus den 48 Ländern „südlich der Sahara“ zusammensetzt, was zu einer Einteilung in zwei Afrikas führt. Der Begriff macht spezifische Ländernennungen oder eine Unterscheidung zwischen Regionen unnötig. Nur so lässt sich erklären, warum zig Zeitungen über Geschichten aus „Afrika“ (ohne Stadt, Land oder Region zu nennen) berichten oder warum „Afrika“ im selben Atemzug mit einzelnen Ländern aufgelistet wird. Es bleibt das alte Bild: Afrika hat wenig oder nichts. Dabei ist der Schluss oftmals, dass dieses nichtshaben auf ein nichtskönnen zurückzuführen ist. Im besten Fall kann „den“ Afrikaner_innen dann Mitleid entgegen gebracht werden.
Respekt oder ein Gefühl der Gleichwertigkeit sind im Licht dieser Darstellung so gut wie ausgeschlossen. Reduziert auf Krisen und subtil unterstellte Unfähigkeit à la Schwarze Menschen haben wenig aus sich gemacht, so das diskriminierende Bild. Doch ist ein Klischee erst einmal da, ist es schwer wegzubekommen. So spiegelt die Darstellung Schwarzer Menschen oder People of Color13 auch ihre Alltagsdiskriminierungserfahrungen wider. Spärliche Veränderungen des öffentlichen Afrikabildes belaufen sich meist auf die leere Rhetorik der Political Correctness. Eindeutig kolonialistisch geprägte Begriffe wie „Rasse“ oder „Stamm“ werden zum Teil durch weniger vorbelastete Ausdrücke ersetzt und finden doch immer wieder Verwendung. Die diskriminierende und problematische Bedeutung um Begriffe wie „N*“, „Stamm“ oder „Schwarzafrikaner“ sind im deutschen Mainstream wenig bekannt, genau wie die Hintergründe etwaiger Missstände, und eine eigene, europäische, deutsche oder weiße Implikation werden selten hinterfragt. Die weiße Mehrheitsgesellschaft gilt als die vorherrschende Normalität bei der Berichterstattung und Wörter leisten ihren Beitrag dazu, sie zu privilegieren und Schwarze Menschen oder People of Color auszugrenzen. Auf ihre vermeintliche Herkunft wird verwiesen, um sie als Fremde im eigenen Land zu platzieren. Für das weiße Deutschland und Europa ist es wichtig, dass Afrika und ihm zugeschriebene Menschen „arm, exotisch und chaotisch“ bleiben. Nur so kann sich die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland als rational und nicht-stereotypisiert herstellen und der Status quo in den Beziehungen zwischen „Süden“ und „Norden“ erhalten bleiben.

Die Verantwortung liegt bei den Autor_innen und Redaktionen

Was ist Redaktionen bei der Berichterstattung wichtig, wen sehen sie als ihr Publikum und welche Verantwortung übernehmen sie für ihre Darstellung? Warum sich selbst renommierte, bildungsbürgerliche mediale Stimmen bei vielen der Ausdrucksweisen nicht entrüsten, wird durch unterschiedliche Aspekte deutlich. Für viele Medien ist es einfacher, bestimmte Vorurteile zu bestätigen als gegen sie anzuschreiben. Zumal die Rezipient_innen sich durch ihre Medien bestätigt fühlen wollen. Viel vom Rassismus in den Medien ist durch das Heischen nach Schlagzeilen bedingt, weil das Markieren von Menschen als „die Anderen“ oft viel interessanter als die „Norm(alität)“ erscheint. Zudem bergen rassistische Aussagen nicht selten auch das Potential für eine gute Story. Studien zeigen, dass es dabei nicht vorrangig um einen Tabubruch geht, der die Leser_innen oder Zuschauer_innen anlocken soll, sondern erst, wenn rassistische Aussagen als gesellschaftlich anerkannt gelten, können sie ihr Potenzial für eine medienwirksame Polemik entfalten.

Eine entscheidende Rolle spielt also bei der Berichterstattung, wer und was inhaltlich zur Sprache kommt und wer eine Handlungsposition einnimmt. Bis heute zeigt die deutsche Afrikaterminologie, dass sich der koloniale Diskurs nachhaltig in die Gesellschaft eingeschrieben hat. Rassismus-frei wäre es, Schwarze Charaktere in ihrem normalen Alltag darzustellen ohne auf phänotypische Merkmale besonders aufmerksam zu machen und die Wortwahl der Beschreibung bestimmter Kontexte zu achten und beispielsweise gebräuchliche Wörter zu verwenden. Tatsächlich verändern können sich die Diskurse nur, wenn aus einer anderen Position geschrieben und damit die durchgesetzten Bedeutungen und Vorstellungen herausgefordert werden. Um das Afrikabild in Deutschland von seinen kolonialen Fesseln zu lösen und eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Politik, Gesellschaft und Kultur der 53 afrikanischen Länder zu ermöglichen, ist es unabdingbar, sich vom rassistischen und kolonialen Afrikavokabular zu trennen; aber nicht, ohne sich mit dessen Geschichte und Funktion auseinander zu setzen. Nur das Bemühen, die vielgestaltigen Länder des afrikanischen Kontinents realistisch und differenziert darzustellen, kann neo-kolonialistische Bilder, die das weiße Selbstverständnis rechtfertigen, aus der deutschen Öffentlichkeit verbannen.

Die Geschichte Schwarzer Menschen sichtbar machen, ein positives Selbstbild etablieren und die antirassistische Arbeit sind die Hauptthemenfelder der „Initiative Schwarze Menschen in Deutschland“ (ISD). Die Selbstorganisation wurde Mitte der 80er gegründet und setzt sich in ihrer Arbeit für die Emanzipation Schwarzer Menschen gegenüber einer weißen Mehrheitsgesellschaft und die politische Partizipation Schwarzer Bürger_innen ein – mit dem Ziel ihre Perspektiven, Geschichte, Lebensentwürfe und Konzepte in Deutschland sichtbar zu machen. Der Verein versteht sich als Interessenvertretung Schwarzer Menschen in Deutschland, interveniert bei Fällen von Diskriminierung und Rassismus und bezieht Stellung gegenüber der Öffentlichkeit. Die Mitglieder der ISD etablierten nach ihrer Gründung lokale Initiativen in Städten wie München, Stuttgart, Freiburg, Hamburg, Hannover, Berlin, in großen Teilen Nordrhein-Westfalens und in der Rhein-Main-Region. Nach dem Mauerfall kamen weitere Mitglieder hinzu, die sich in Ost-Deutschland vernetzten. In diesem Sinne etablierte sich auch die Tradition eines jährlichen Bundestreffens, auf dem diskutiert, Wissen ausgetauscht und Meinungen gebildet werden. Die ISD versteht sich nicht als alleinige Vertreterin der Interessen Schwarzer Menschen in Deutschland, sondern steht mit ihrem Ansatz in einem bundesweiten Kontext mit anderen Vereinen und Persönlichkeiten der so genannten Community zusammen, die ebenfalls die Lebenssituation Schwarzer Menschen in Deutschland auf ihre Agenda schreiben. 2015 wird die jüngere Schwarze Bewegung und der Verein in Deutschland auf 30 Jahre Geschichte zurückblicken. Es sind Jahre des Sich-Selbst-Defnierens, des Suchens und Freilegens verschütteter Geschichte in Deutschland. Jahre der Vernetzung auf persönlicher und organisatorischer Ebene, lokal, regional, bundesweit und international.

  1.  Aufgrund der despektierlichen Natur des Wortes „Neger“ wird durchgängig auf die Reproduktion verzichtet.
  2.  Viele Menschen glauben, dass „Schwarz“ die falsche Bezeichnung für Menschen sei. nicht selten wird sie mit einem rassistischen Ausdruck oder etwas schlechtem assoziiert. Der Hintergrund dieses Irrglaubens ist simpel. Er ist sozialisiert. Die Geschichte der bösen Jungen aus dem „Struwwelpeter“, die den kleinen „Mohr“ ärgern und zur Strafe ins Tintenfass gesteckt werden, um noch schwärzer zu werden, erklärt das Denkmuster. Die Unterscheidung ging mit einer Politik unterschiedlicher „Wert-Einstufungen“ der Menschen einher, die weiße Menschen als besser und schöner bewerten und sich bis heute weltweit fortsetzt. So gilt auch der Begriff „Farbig“, der das N-Wort ablöste, als die „höfliche“ Form der Aufwertung vom Schwarz-sein und einer Positionierung näher zum Weiß-sein. Ein Begriff, der einen angeblichen Makel beschönigen soll und damit, wie alle anderen Beschreibungen, zu einer rassistischen Farce wird.
  3.  Das Cover ziert ein dickbäuchiger „weißer Afrikaner“ mit dicken Lippen im Buschrock und Knochen im Haar. Im Buch geht es um das Missverstehen gesungener Texte. Kritische Stimmen fragten zu Recht: Warum braucht es diesen Titel, dieses Bild – derart prominent? Axel Hacke kann den Aufreger auch in seinen Ausführungen in 2013 in der ZEIT nicht verstehen.