Das Wort „Jude“ ist zu einem häufig gebrauchten Schimpfwort geworden – ein Interview mit Rabbiner Daniel Alter

In den Monaten August und September 2012 kam es in Berlin zu mehreren antisemitischen Vorfällen: Am 28. August wurden Rabbiner Daniel Alter und seine sieben jährige Tochter Opfer eines antisemitischen Angriffs in Berlin-Friedenau. Nachdem die Angreifer ihn gefragt hatten, ob er Jude sei, wurde er zusammenge­schlagen und seine Tochter mit dem Tod bedroht.

 

In den Folgewochen kam es zu weiteren Vor­fällen: Schülerinnen des Or Avner Gymnasiums wurden vor dem Schulgelände beschimpft und fotografiert, der Generalsekretär des Zentral­rats der Juden, Stephan Kramer, wurde nach einem Besuch der Synagoge am Jom Kippur Feiertag von einem Passanten u.a. mit folgen­den Worten bedroht: er hätte kein Recht „hier zu sein, wenn deine Kinder nicht da wären, wür­de ich dich …“, und schließlich berichtete eine jüdische Familie, dass sie von einem Taxifahrer nicht befördert wurde, als sie die Synagoge in der Pestalozzistraße als Ziel angab. Mitte ver­gangenen Jahres stufte das Kölner Landgericht die frühkindliche Beschneidung bei Jungen als Körperverletzung ein. Es gab in der Folge erregte Diskussionen über die Rechtmäßigkeit der Be­schneidung und schließlich im Dezember ein im Bundestag verabschiedetes Gesetz, welches diese in Zukunft regeln soll. Kurz vor Jahresende hatte das Simon Wiesenthal Center mehrere Aussagen des Chefredakteurs der Wochenzeitung „Der Freitag“, Jakob Augstein, auf eine Liste der 10 schlimmsten antisemitischen, sowie Israel verun­glimpfenden Aussagen des Jahres 2012 aufge­führt. Unter Journalist/innen war vor allem Ent­rüstung über diese Entscheidung zu vernehmen. Nur selten spielten die zur Disposition stehenden Aussagen Augsteins eine Rolle. Seit November ist Daniel Alter der Beauftragte zur Bekämpfung des Antisemitismus und für interreligiösen Dialog der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Wir sprechen mit ihm über seine Arbeit und die hier genannten Themen.

Herr Alter, wie kam es zu Ihrer Berufung und womit haben Sie sich in den vergange­nen Monaten befasst?

Nachdem ich in Friedenau angegriffen wurde, ha­ben meine Reaktionen darauf eine relativ große Aufmerksamkeit erzeugt. Der Vorstand der Jü­dischen Gemeinde kam zu der Auffassung, dass ich durch meine Art des Umgangs, mit dem was ich erlebt und was ich in den Medien dazu gesagt habe, dafür geeignet bin, unsere Interessen zu vertreten. Ich habe das erste Quartal meiner Tätigkeit unter anderem dazu genutzt, Kontakte zu knüpfen. Ich habe versucht, mich mit vielen Initiativen, die ge­gen Antisemitismus arbeiten, zu vernetzen. Ähn­lich bin ich im Bereich des interreligiösen Dialogs vorgegangen. Hier habe ich Kontakte zu Kirchen gesucht – mit der evangelischen Landeskirche wurden regelmäßige Konsultationen vereinbart. auch mit verschiedenen Moscheen und Islamver­bänden habe ich mich getroffen und begonnen, gemeinsame Projekte zu entwickeln. Ich möchte die Zusammenarbeit mit dem palästinensischen Psychologen Ahmad Mansour erwähnen, mit dem wir gemeinsam versuchen, einen Umgang mit Antisemitismus in den arabisch-islamischen communities zu finden. Daraus haben sich sehr schnell die ersten Anfragen von Schulen ergeben. Ich habe mehrfach in Schulen in Schulklassen aller Altersstufen über Judentum und Antisemi­tismus gesprochen. In manchen Schulen gehören antisemitische Äußerungen und Aktionen zum Alltag. Das Wort „Jude“ ist zu einem häufig ge­brauchten Schimpfwort geworden. Langfristig ist es ein Ziel meiner Arbeit, ein Netzwerk von Menschen – hierzu zähle ich auch Überlebende der Shoa – aufzubauen, die in die Schulen gehen. Des Weiteren ist es ein politisches Ziel, dass der Umgang mit Rassismus und Antisemitismus in die Ausbildung der Lehrkräfte aufgenommen wird.

Wie erklären Sie sich die Häufung anti­semitisch motivierter Anfeindungen und Gewalt zwischen August und September 2012?

Kurz nachdem ich zusammengeschlagen wurde, ist das mit den Schülerinnen der Or Avner Schu­le passiert. Ich hatte den Eindruck, dass es sich vielleicht um Trittbrettfahrer handelt. Angeblich kursieren von solchen Aktionen auch Videos, die mit Handys gemacht werden, mit denen sich in jenen Gruppen dann auch gebrüstet werden kann. Erfahrungsgemäß passiert mehr, wenn der Nah-Ost-Konflikt oder ein anderer jüdischer Kontext in den Medien präsent ist. Für einige ist es dann legitim ihrem Antisemitismus, ihrem Hass freien Lauf zu lassen.

Die Öffentlichkeit erfährt in der Regel nur von antisemitischen Vorfällen, wenn An­zeigen gestellt werden. Wie schätzen Sie die Bereitschaft der Betroffenen dazu ein?

Aufgrund von Resignation werden viele antisemi­tische Pöbeleien oder Schmierereien nicht angezeigt. Warum soll ich zur Polizei gehen, dort für eine Anzeige zwei Stunden verbringen, die nach zwei Wochen eingestellt wird, weil man des Täters nicht habhaft werden kann? Stephan Kramer und ich waren aber nicht bereit, das auf sich beruhen zu lassen. Wir wollten das nicht hinnehmen, nicht resignieren, sondern die Auseinandersetzung su­chen. Ich denke auch für die Betreuerinnen der Schülerinnengruppe, die angepöbelt und provo­ziert wurden, war die gleiche Geisteshaltung aus­schlaggebend. Es ist genug, wir werden es nicht mehr akzeptieren!

Wie empfanden Sie die politischen und zi­vilgesellschaftlichen Reaktionen auf Ihren Fall?

Überraschend positiv. Ich hatte die Befürchtung es gibt Reaktionen, wie „jetzt bringt er das Thema und den Konflikt in unser Stadtviertel und wir wol­len das alles gar nicht haben“. Aber das war völlig unbegründet. Menschen aus der Nachbarschaft und ganz viele Menschen aus Deutschland haben sich mit meiner Familie und mir solidarisch ge­zeigt, haben versucht uns Mut zu machen. Gerade für meine Kinder war diese öffentliche Solidarität sehr wichtig, positiv stärkend und hilfreich. Hilf­reich in dem Sinn, dass meine Kinder nicht weiter traumatisiert sind. Wir sind noch Wochen danach auf der Straße immer wieder von Menschen, die mich erkannt haben, angesprochen worden: „Sie sind doch der, dem das und das passiert ist. Wir sind solidarisch mit ihnen, wir lehnen das total ab. Wir wünschen, dass ihnen so etwas nie wieder passiert.“ So etwas ist unheimlich wichtig. Und davon haben wir ganz viel erfahren. Ich möchte auch auf die recht spontan organisierte Kundge­bung am Grazer Platz wenige Tage nachdem ich zusammengeschlagen wurde verweisen. Ich habe erwartet, dass vielleicht 200 Leute kommen. Es waren dann aber 1000 oder 1500 Leute. Die Zivilgesellschaft hat sich hervorragend verhalten! Das wünsche ich mir von einer demokratischen Gesellschaft. Ich habe auch von der Bundes- und Landespolitik sehr viel Feedback und moralische Unterstützung erhalten. Ich muss dann doch einen kleinen Wermutstrop­fen einschenken: Ich sehe die Gefahr, dass es manchen ganz recht war, dass die Täter einen islamisch-arabisch oder türkischen Background haben. So kam es mitunter zu einer Projektion nach dem Motto: „Das sind ja die da und wir sind eigentlich ganz sauber.“ Es ist richtig, in diesen communities gibt es ein relevantes Antisemitis­mus-Problem, aber eben nicht nur in diesem. Was mir jüdische Kollegen und Freunde aus Mecklen­burg-Vorpommern berichten, finde ich genauso erschreckend. Dort geht der Antisemitismus von Rechtsextremen aus.

Wie empfanden Sie die polizeiliche Ermitt­lungsarbeit in Ihrem Fall?

Wie ich befragt wurde und wie ich den Fortschritt der Ermittlungen verfolgen konnte, gab mir den Eindruck, dass sehr professionell und engagiert vorgegangen wurde. Es wurden alle Möglichkei­ten ausgeschöpft, um die Täter zu finden. Nach einigen Monaten hat mich der leitende Staats­anwalt persönlich angeschrieben und mir erklärt, warum aus seiner Sicht kein Ermittlungserfolg erzielt wurde: es gab einfach keine Augenzeugen, weil die Straße komplett leer war, und auch keine DNA-Spuren.
Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, forderte wenige Tage später in einem Interview die Vertreter der vier großen muslimischen Verbände auf, mehr gegen Antisemitismus in ihren Communities zu tun. Nach dem Übergriff wurde viel über Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen berichtet.

Wie bewerten Sie die mediale Berichter­stattung und die vorgebrachten Argumen­te über Fragen der Antisemitismus-Be­kämpfung bei muslimischen Jugendlichen?

Es ist richtig, was Dieter Graumann sagte, das lag ein bisschen im argen. Ein ähnliches Phänomen, dass man ganz gerne wegsieht, solange man wegsehen kann, lässt sich bei Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen feststellen. Ich hatte aber den Eindruck, dass zum Ende des letzten Jahres ein wenig Bewegung rein gekommen ist. Ich sehe an den Anfragen, die wir erhalten und den Wün­schen nach Zusammenarbeit, die an mich heran­getragen worden sind, einen zunehmenden Willen, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen. es gibt z.B. zwei Imame, die mit mir im interreligi­ösen Dialog gegen Antisemitismus Stellung bezie­hen wollen.

Nach dem Angriff auf Sie haben wir Stim­men von Projekten und Menschen aus dem antirassistischen Bereich wahrgenommen, die gesagt haben, sie würden sich eine ähnliche Solidarisierung auch bei rassis­tisch motivierten Angriffen wünschen.

Ich habe das am Rande gehört. Ganz abgesehen von allen anderen Konflikten oder rassistischen Problempotentialen ist ganz klar: Wir haben seit vielen Jahren einen unveränderten Prozentsatz von ungefähr 20 – 25 % aller Menschen in der deutschen Gesellschaft, die latent antisemitisch sind und dazu kommt natürlich noch der Faktor X von Menschen, die offen antisemitisch sind. Das ist für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland eine starke Belastung. Ich finde keinen anderen Ausdruck: Das ist schmerzhaft. Antisemitismus ist ein eigenständiges Phänomen, das man losgelöst von anderen Problematiken betrachten muss.

Wie beurteilen Sie das Auftreten religiöser und nicht-religiöser Akteure im Zusammenhang mit der sogenannten Beschneidungsdebatte?

In den Reihen der Betroffenen war das ganze Spektrum der Emotionen zu sehen: Da gab es aus einer Angst oder einem Trauma heraus auch irrationale Reaktionen. Während andere versucht haben, sehr offen und rational damit umzugehen. Für mich war wichtig, wie alle nicht-jüdischen, nicht-muslimischen Menschen damit umgegangen sind. Die Frage, ob rituelle Beschneidungen mit dem deutschen Rechtssystem vereinbar sind, ist eine legitime Frage und es ist wichtig, dass diese Debatte geführt wird. Was allerdings am Rand der Debatte geschehen ist, das habe ich als hoch problematisch und sehr polemisch wahrgenommen. Ob das nun Statements sind, wie „ein Priester mit einem Messer in der Hand gehört nicht ins Kinderzimmer“ oder die Gleichsetzung der rituellen Beschneidung mit der Witwenverbrennung durch eine Politikerin: Das sind Dinge, die ich für hoch problematisch halte. Hier ist ganz schnell eine Form der Polemik angeschlagen worden, die un­sere religiösen Gemeinschaften stark verletzt hat. Das macht einen demokratischen Diskurs schwie­rig. Das schafft Gräben! Ich glaube die Fortschritte, die wir in den letzten Jahren erreicht haben, sind konterkariert worden und wir sind um viele Jahre zurückgeworfen worden. Ich denke, dass sowohl jüdische als auch islami­sche Vertreter, aber auch Stimmen aus der christlichen und nicht-religiösen Gesellschaft in Deutsch­land gezeigt haben, dass man über solche Dinge auch auf positive Weise kommunizieren und dar­aus auch positive Dynamiken gewinnen kann.

Was erwarten Sie von Journalist/innen, wenn sie über Judentum und Antisemi­tismus in Deutschland sowie den Nahost-Konflikt und Israel berichten?

Ich empfinde die „Israel-Kritik“ als eine wunder­liche Wortschöpfung. Ich habe noch nie etwas von „Schweiz“- oder „Kanada-Kritik“ gehört. Diese For­derung, „Israel-Kritik“ müsse doch berechtigt sein, allein darüber könnte man schon diskutieren. Ich persönlich empfinde die Schlagrichtung beispiels­weise von Jakob Augstein als undifferenzierte, einseitige und obsessive Kritik an Israel. Er und andere leisten den erklärten Zielen von Hamas und Hisbollah, also der Ermordung und Vertreibung der Israelis, Vorschub. Sie verharmlosen und relativieren. Natürlich ist es legitim, Israel und die israelische Politik zu kritisieren. Aber wie gesagt, diese ebenso obsessive wie undifferenzierte Kritik ist in sich selbst hoch problematisch und hat in der Öffentlichkeit auch hoch problematische Wechsel­wirkungen. Ich wünsche mir differenziertes Den­ken und eine faire Berichterstattung. Ein Beispiel: Vor kurzem gab es die Meldung, dass die ursprüngliche Aussage eines in den Medien kursierenden Fotos mit dem Vater eines toten palästinensischen Kindes, welches angeblich Opfer eines israelischen Raketenangriffs wurde, gar nicht stimmte. Die entsprechende Untersuchungskommission hat eindeutig festgestellt, dass das Kind von einem Querschläger einer Hamas-Rakete getroffen wurde. So etwas wird in den deutschen Medien, die vorher eine unange­messene und einseitige Form der Kritik an Israel betrieben haben, nicht aufgearbeitet, nicht nach­gereicht. Das ist auch ein Problem der medialen Berichterstattung.

Erhalten Sie oder die Jüdische Gemeinde zu Berlin antisemitische Zuschriften und wie gehen Sie damit um?

Regelmäßig. Seit ich diese Tätigkeit angenommen habe, landet diese Post auch bei mir. Die Absen­der/innen kommen zunehmend aus der Mitte der Gesellschaft. Früher waren das anonyme Schmie­rereien und Briefe. Viele der Zuschriften sind eindeutige Hassbotschaften: hasserfüllter Antijudaismus. Sie sind zum Teil so formuliert, dass sie strafrechtlich nicht relevant sind. Wir archivieren alles. Jene Zuschriften, bei denen strafrechtliche Relevanz bestehen könnte, leiten wir an die zu­ständigen Ermittlungsbehörden weiter. Die Anzahl der Zuschriften, die wir erhalten, ist ein Gradmes­ser des Standes der öffentlichen Diskussion.

Gibt es bei der Jüdischen Gemeinde eine Betreuung von Betroffenen antisemiti­scher Anfeindungen?

Wir haben natürlich psychologische Beratungsstel­lungen und Sozialarbeiter. Ich habe auch Kontakt zu verschiedenen externen Organisationen, die auch materielle Hilfe für Betroffene bereitstellen. Ich sehe das als eine meiner Aufgaben an, wie im Rahmen der Gemeinde oder extern Betroffenen geholfen werden kann.

Möchten Sie zum Abschluss noch etwas sagen?

Es ist mir ganz wichtig zu betonen, der Kampf gegen und die Auseinandersetzung mit Anti­semitismus dient der Stärkung und dem Erhalt einer demokratischen Zivilgesellschaft. Dieses Bewusstsein müssen wir in der Öffentlichkeit breit verankern.