»Schulfach: Schwul« – Wie pädagogisches Material zum »Porno-Koffer« wurde

»Schulfach:   Schwul«   mit   dieser Schlagzeile  eröffnete  die  Boulevardzeitung B.Z. am 20. Juni 2011 eine mehrmonatige Diskussion. Anlass  war  die  Veröffentlichung von   Materialien   für   Lehrkräfte zum  Thema  »Vielfältige  lebensweisen«, ein Medienkoffer für die Grundschule. Die vor allem medial geführte Debatte war von homophobie, transphobie, antimuslimischem Rassismus  und  Sexismus geprägt.

 

Von den vielen Beiträgen in diversen Medien kann hier nur eine Auswahl genannt und genauer betrachtet werden. Beteiligte an der Diskussion waren Tageszeitungen aus Berlin, überregionale Zeitungen und Zeitschriften und Artikel auf diversen, hauptsächlich rechtspopulistischen Websites. Im Wahlkampf 2011 in Berlin wurde die Diskussion um den Medienkoffer sogar von einigen Parteien aufgegriffen. Zudem engagierten sich christliche Interessengruppen aktiv gegen die Thematisierung von Homosexualität in Grundschulen. Alle Akteur_innen und Medien nahmen den Medienkoffer zum Anlass, um eigene z.B. christlich-fundamentalistische oder rassistische Haltungen zu propagieren.

Die Vorgeschichte

Vom damaligen Bildungssenator Zöllner wurde in einer Pressemitteilung auf neue Materialien für Lehrkräfte an Berliner Schulen hingewiesen. Diese wurden im Rahmen der Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt (ISV) er-stellt, welche das Abgeordnetenhaus im Jahr 2009 einstimmig beschlossen hatte. Mit dieser Initiative soll Homophobie und Transphobie im Land Berlin aktiv entgegengetreten werden. In Schule, Kinder- und Jugendhilfe sollen Fachkräfte fortgebildet werden, um Kinder und Jugendliche schon frühzeitig mit einem akzeptierenden Umgang mit sexueller Vielfalt vertraut zu machen. Queerformat wurde von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft beauftragt, die ISV umzusetzen, Fortbildungen durchzuführen und Materialien für Pädagog_innen zu erstellen. Zu diesen gehört auch der Medienkoffer für die Grundschulen. Er enthält eine altersgerechte Zusammenstellung von 25 Büchern, die Vielfalt pädagogisch sinnvoll und kindgerecht behandeln. In den Bilderbüchern geht es NICHT um Sexualität, sondern um vielfältige Familienformen und Lebensweisen von Menschen, u.a. um Geschlechterrollen, Homosexualität, Fremdsein. Namhafte Verlage und Schriftsteller_innen (z.B. Cornelia Funke) sowie mehrfache Auflagen und Auszeich-nungen stehen für die Qualität der Bücher.

Auslöser der Debatte

Der genannte B.Z.-Artikel beschreibt kurz den Medienkoffer und erfindet ganz im Stil der reißerischen Springerpresse das »Schulfach Schwul«. Gleichzeitig wird von weiterem Material berichtet, welches fälschlicherweise dem Verein GLADT e.V. zugeordnet wird. Dort würden Jugendliche aufgefordert, Begriffe wie »Selbstbefriedigung« und »Dark Room« pantomimisch darzustellen. Laut B.Z. sehen »Bildungs-Experten« die »Aufklärungs-Bemühungen« zwiespältig.

Dieses Pantomimespiel wurde im B.Z.-Artikel irrtümlich dem Koffer für die Grundschulen zugeordnet. Es befindet sich aber in einer Handreichung für Pädagog_innen zum Thema »Lesbische und schwule Lebensweisen«, die sich ausdrücklich an die Sekundarstufen richtet. Die Handreichung wurde 2006 von der Senatsverwaltung herausgegeben und stützt sich auf fachlich anerkannte Methoden der Sexualpädagogik. Die Vermischung dieser verschiedenen Materialien sowie die Nennung des Vereins GLADT e.V., der mit beschriebener Methode nichts zu tun hat, dient der B.Z. ausschließlich zur Skandalisie-rung und rassistischer Aufladung der Diskussion.

Wie gegen den Medienkoffer argumentiert wurde

Auf diesen B.Z.-Artikel bezogen sich verschiedene Medien, die in Print- und Online-Ausgaben ein großes Publikum erreichten. Von einem kleinen Teil der Leser_innen wurde anschließend eine sehr heftige Online-Diskussion geführt. Es lassen sich einige Hauptargumente herausfiltern, die von den unterschiedlichsten Protagonist_innen genutzt wurden.

Die Sexualisierung des Themas

Der Versuch der Stigmatisierung von Bildungsarbeit als sexualisierte Gewalt und Sexualisierung war bei den Argumentationsweisen am deutlichsten. »Hier droht (u.a.) – staatlich gefördert – Pädophilie[1] in widerwärtigster Art und Weise.«, schrieb eine FAZ-User_in. Die FAZ hatte in ihrem Artikel veröffentlicht, dass »Erstklässlern die Vielfalt des Sexuallebens« nahegebracht werden solle. Eine gefährliche Sexualisierung der Kinder bzw. der Kindheit befürchteten gleich mehrere Autor_innen und Vereinigungen,– wie Cicero, die Website Familien-Schutz.de, die Deutsche Vereinigung für Christliche Kultur e.V. (DVCK) und das Forum deutscher Katholiken. Oft wurde behauptet, es wäre schädigend für Kinder, sich mit Homosexualität auseinanderzusetzen: »[…] grenzt es für mich an Missbrauch, wenn man einem Kind in Sachen Sexualität etwas eintrichtern will, wonach es nicht gefragt hat!« (Tagesspiegel User_in). Einige Autor_ innen arbeiteten gezielt mit Überzeichnungen, um die Leser_innen für ihre Argumente zu gewinnen: »Sex Spiele von Minderjährigen im Unterricht, pornographische Inhalte in der Schule im vermeintlich pädagogischen Sinne.« (B.Z. vom 21.6.2011).

»Naturgegebenes« Familienbild und elterliche Erziehungsrechte

An die starke Sexualisierung des Themas knüpften unmittelbar Argumente an, die ein traditionelles/ reaktionäres Familienbild propagieren und einen »massiven Eingriff in die elterlichen Erziehungsrechte« attestieren (Junge Freiheit). Nur die Familienform von Vater, Mutter, Kind wird als die »natürliche« angesehen (NPD). Durch »Aufklärung« in Schulen würde die Freiheit der Eltern beschnitten, diese sollen selber entscheiden, wann und wie ihre Kinder aufgeklärt werden (Cicero), weil »sexuelle Vielfalt in ihrer ganzen scham- und persönlichkeitsverletzenden Bandbreite kein Lehrstoff des Grundschulunterrichtes sein darf« (Familien-Schutz). Ein User der rassistischen Webseite »Politically Incorrect« behauptete sogar: »Das ist Zwangsbeschwulung. In den Schulämtern sitzen auch öfters Homoperverse die sich ihr frisches Fleisch heranzüchten wollen […]«. Auf eine Bildungsarbeit zu vielfältigen Lebensweisen wurde mit diskriminierenden und entwürdigenden Ansichten gegenüber Lesben und Schwulen reagiert.

Antikommunismus und vermeintliche Indoktrination

Als Verursacher_in für die »ideologische, ja dämonische, Gehirnwäsche« wurde ein »ZK der ökologischen Homodiktatur« (Gegenstimme) verantwortlich gemacht. Gegen progressive Reformen wurden antikommunistische Haltungen geäußert, eine weitere Spielart konservativer Einstellungen. Einzelne fürchteten, dass es »(um) die gezielte Beseitigung unserer zivilisierten Kultur der bürgerlichen Ordnung sowie des Christlichen Leitbildes (geht). Seit den 68ern arbeitet die ganze linke Meinungsdiktatur in diesem Land daran.« (Brief an Queerformat).

Antimuslimische und rechtspopulistische Kommentare

An derlei Argumentationsweisen konnten rechtspopulistische und antimuslimische Meinungen nahtlos anschließen. Auch hier wurde die Zerstörung der Werte und Grundlagen Deutschlands mittels des Medienkoffers durch eine »Überbetonung soge-nannter alternativer Lebensentwürfe […], die letztlich wenig bis nichts zum Erhalt dieser Gesellschaft durch Reproduktion beitragen.« (FAZ-User_in) befürchtet. Überwiegend wurden haarsträubende, islamophobe Vergleiche angestellt, wie dieser auf der rechtskonservativen Website Freiewelt.net von Gabriele Kuby, die als konservative und christlich-fundamentalistische Publizistin bekannt ist: Im 14. Jahrhundert hatten die in scosmanischen Türken die Angewohnheit der Knabenlese:  Sie verschleppten […] Jungen  aus  den christlichen Familien, erzogen sie zu fanatischen Muslimen und rekrutierten so ihre Elite-Kampftruppe […]. Die rot-roten Kulturrevolutionäre in Berlin […] tun eben dies: Durch schamlosen Missbrauch der staatlichen Macht über Schulcurricula werden Kinder und Jugendliche in ihrer Identität als Mädchen und Jungen verunsichert, sie werden […] sexuell aktiviert und in die die ganze ›Vielfalt‹ jenseits der Heterosexualität praktisch eingeführt.«

Christlich-fundamentalistisch motivierte Argumente

Das christliche Weltbild schien in Gefahr: »Hier geschieht nichts anderes als eine Gehirnwäsche, um bei den Kindern die christliche Sicht von Mann, Frau und Familie auszulöschen.« (DVCK) Martin Lohmann, Vorsitzender des AK Engagierte Katholiken in der CDU, sprach auf Freiewelt.net davon, dass von staatlicher Seite das »christliche Menschenbild diskriminiert« werde, weil »der Familie nicht gleichwertige Lebensformen faktisch gleichgestellt werden sollen«. Laut der Piusbruderschaft sei u.a. »das Propagieren von Homosexualität als Normalität, der menschenverachtenden Multikulti-Gesellschaft als Idealzustand« Ziel des Medienkoffers. In allen Foren wurden Bibelstellen zitiert, in denen Homosexualität als Sünde dargestellt wird.

Einschüchterungsversuche und Gewaltandrohungen

Immer wieder wurde den Argumenten mit Drohungen Nachdruck verliehen, unter anderem in persönlicher Post an Queerformat. In einem Brief wurden die Bilderbücher  sogar  zu   »Kinder-Porno-Büchern«.   Die zuständige Mitarbeiterin in der Senatsverwaltung   erhielt   E-Mails mit Morddrohungen »Oslo kann auch in Berlin passieren!«. Auf einer österreichischen Internetseite wurde ein Eintrag gepostet, der zu blanker Gewalt aufruft: »Schreiben und protestieren hilft nichts! Sondern nur Sense gerade geschmiedet, Dreschflegel in der linken und deutsches Schwert in der Rechten. Und ein Schädel nach dem anderen gespalten! […] Auch Demokraten machen sich ganz gut mit dem Kopf nach unten auf der Gaslaterne!!!« (Unzensiert.at-User_in)

Wer sich gegen den Medienkoffer geäußert hat

Nach den Artikeln in diversen bürgerlichen, konservativen aber auch rechten Zeitungen und Zeitschriften erlebte die Debatte dann im Vorfeld der Berliner Wahlen im September 2011 einen erneuten Höhepunkt. Die BIG Partei übernahm zum Teil wortgleich die B.Z.– Berichterstattung in einem Wahlkampf-Flyer. Auch ein NPD-Kandidat hetzte in einer parteieigenen Zeitschrift gegen den Medienkoffer und Homosexualität. Des weiteren wurden im Namen der »Initiative Familien-Schutz« vorgefertigte E-Mails, die die Einführung des Medienkoffers kritisierten, an die Abgeordneten im Wahlkampf verschickt. Besonders viele Kandidat_innen der CDU und rechtspopulistischer Parteien unterstützten in ihren Antworten die Kritik. Im Verlauf der Debatte engagierten sich auch christliche Organisationen, wie z.B. die katholische Piusbruderschaft und die DVCK, sowie rechtspopulistische und antimuslimische Meinungsmacher_innen auf den Webseiten »Politically Incorrect«, »Freie Welt« und »Gegenstimme«. Gemeinsam ist allen, dass progressive pädagogische Bildungsmaterialien für Kinder und Jugendliche instrumentalisiert werden, um eigene diskriminierende Meinungen zu verbreiten. Dabei wurden gezielt Überzeichnungen genutzt, um eine Diskussionen anzuheizen.

Fazit

Dass Themen wie vielfältige Lebensweisen heute noch so stark debattiert werden, zeigt umso mehr, wie wichtig es ist, diese adäquat zu vermitteln. Es geht um Anerkennung unterschiedlicher Lebensrealitäten, um demokratisches Lernen, um Diskriminierungsfreiheit und um sozialen Zusammenhalt.

QUEERFORMAT bietet Beratung und Fortbildung für pädagogische Fachkräfte, um queere Themen und Lebensweisen in die pädagogische Arbeit zu integrieren. Wir unterstützen die fachliche Umsetzung der Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt in den Bereichen Schule sowie Kinder- und Jugendhilfe. Das Projekt ist eine gemeinschaftliche Initiative von ABqueer e.V. – Aufklärung und Beratung zu queeren Lebensweisen und KomBi – Kommunikation und Bildung.

 

  1.  Pädophilie/Pädosexualität: bezeichnet das primäre sexuelle Inter­esse bzw. sexuelles Verhalten von Erwachsenen an Kindern.