Auch wir haben es hingenommen… – Vorwort Berliner Zustände 2011

Heute – nachdem die »Döner-Morde« als neonazistische Bluttaten enttarnt sind – machen wir natürlich alles richtig. Wir erstellen interaktive Grafiken, die zeigen, wo und wann genau die Morde geschehen sind. Wir überprüfen jede Zeile ein zweites Mal: Ob denn auch der Name der Mordwaffe korrekt angegeben ist? Natürlich werden jetzt auch die Namen unter den Fotos richtig geschrieben: Es darf keine Cedille fehlen. Und wir hinterfragen, wie gut die Behörden gearbeitet haben. Jetzt verhalten wir uns professionell und machen Journalismus, wie er im Buche steht. So wie es der Berufsethos, unsere Diplome oder Volontariate vorschreiben.

Jetzt, das ist 12 Jahre nach der Ermordung von Enver Şimşek. 19 Jahre nach dem Mord an Saime Genç. Mehr als 21 Jahre ist es her, dass Jorge João Gomondai seinem Leben beraubt wurde. Gehen Sie diesen Namen nach! Zu viele haben es zu lange nicht getan.
Wir klagen zu Recht über Unterlassung und Fahrlässigkeit des Staates, der Polizei, der Sicherheitsbehörden. Das Versagen ist ungeheuerlich. Wer ist schuld? Dieser Sammelband beschäftigt sich mit solchen Fragen von Verfehlung und Versäumnis.

Doch auch wir Journalistinnen und Journalisten müssen uns die Frage gefallen lassen, warum wir nicht genug recherchiert haben und nicht diejenigen mit Fragen gelöchert haben, die uns hätten Antworten liefern müssen. Warum wir – fast alle! – zum Beispiel den Begriff »Dönermorde« einfach übernommen haben. Warum wir über Jahre größtenteils einfach hingenommen haben, was uns aufgetischt wurde.

Antworten auf diese Fragen zu finden, gehört zu unseren primären Aufgaben. Auch deshalb engagieren wir uns im Verein Neue deutsche Medienmacher. Journalistinnen und Journalisten mit unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen Kompetenzen arbeiten daran, die zuweilen tristen Farben in den deutschen Redaktionen aufzufrischen. In Zeiten, in denen Gesellschaft und Politik so oft auf »Andersartigkeit« schaut und so wenig auf »Gemeinsamkeiten«, ist ein differenzierter Blick notwendig, um nicht Teil des Einheitsbreis zu werden.

Es ist gut, wenn heute die Namen der Opfer richtig geschrieben werden – und es ist gut, wenn wir an sie erinnern. Aber damit sollten wir es nicht belassen. Wir müssen kritisch über unsere Sprache nachdenken. Dort, wo Rassismus geschieht, muss er offen beim Namen genannt werden. Bei der NSU-Mordserie geht es nicht um »fremdenfeindliche Morde«. Ermordet wurden nicht Fremde oder Touristen, sondern Menschen, für die München, Dortmund, Kassel und Nürnberg Heimat war. Auch »ausländerfeindliche Morde« trifft es nicht: Einige der Opfer waren deutsche Staatsangehörige, die ihre Wurzeln in der Türkei haben. Es waren rassistische Morde. Punkt.

Die aufklärende Rolle des Journalismus darf Gehorsam und Unterwürfigkeit gegenüber Staatsgewalt nicht weichen. Wenn wir das nicht verinnerlichen, knicken wir ein. Unsere Aufgabe ist es, kritische Wachsamkeit gegenüber Behörden zu zeigen, die Sicherheit garantieren sollen und wollen. Fragen aufwerfen und polizeiliche Konzepte und Lösungen hinterfragen – damit tun wir unsere Arbeit. Die Sicherheitsbehörden können von kritischem Journalismus nur profitieren.

Die sechste Ausgabe der Berliner Zustände widmet sich der Aufarbeitung der Arbeitsweise der Berliner Polizei. Eine sehr wichtige und sinnvolle Untersuchung, aus unserer Sicht. Denn wenn Polizei und Sicherheitsbehörden versagen, dann sind Akteurinnen und Akteure aus Antirassismusprojekten ebenso wie Journalistinnen und Journalisten aufgerufen, einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen, wo die Fehler liegen. Die NSU-Morde sind nach Mölln, Solingen, Hoyerswerda und den hunderten rassistischen Angriffen hoffentlich die letzte Lehre, die wir aus solchen Fehlern ziehen müssen.

Die Neuen deutschen Medienmacher sind ein bundesweiter Zusammenschluss von Medienschaffenden mit unterschiedlichen  kulturellen und sprachlichen Kompetenzen und Wurzeln, der die mangelnde Repräsentanz von Journalisten mit sogenanntem Migrationshintergrund in den Redaktionen ändern will und sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzt.