»Im Namen des Volkes …« – Ein Opfer rechter Gewalt berichtet

Am 13. Februar 2004 fahre ich mit mehreren FreundInnen nach Dresden zum Naziaufmarsch: Das jährliche Spektakel mit Tausenden von Nazis, die sich beklagen, dass es so viele deutsche Opfer während des 2. Weltkrieges gab, die den Holocaust leugnen und die Naziverbrecher als Opfer darstellen. Es ist für mich wichtig, Geschichtsrevisionismus entgegen zu treten. Der Tag war furchtbar, es scheint an solchen Tagen in Dresden, als wären alle gegen einen.

Wir entschließen uns zurückzufahren. Der Hauptbahnhof in Dresden ist voll von Nazis. Wir (ca. 15 Leute) nehmen einen Zug später, da zum jetzigen Zeitpunkt die Züge voller abreisender Nazis sind und es zu gefährlich für uns ist. Mit dem nächsten Zug fahren wir aber auch nur eine Station. Auch zu viele Nazis. Wir steigen Dresden-Neustadt wieder aus. Den nächsten Zug, mit Zwischenhalt in Cottbus, nehmen wir letztendlich. Irgendwie müssen wir ja nach Hause. Der Zug sieht gut aus. Wir steigen ein. In Cottbus treffen wir auf eine Gruppe von fünf Nazis. Egal, wir sind ja 15. Wortgefecht. In der Eingangshalle werden aus den fünf Nazis dann bis zu 15. Sie pöbeln, die Dazukommenden statten ihre Kameraden mit Springerstiefeln aus, weg mit den Turnschuhen. Einer holt ein großes Messer hervor und steckt es provokativ in seinen Stiefel. Wir sollen es sehen. Ein anderer öffnet für uns seinen Mantel, er hat einen Baseballschläger dabei. Die Situation ist bedrohlich. Das finden auch zwei BGS-Beamte. Sie gehen lieber. Wir entschließen uns schon mal zum Zug zu gehen und steigen ganz hinten ein. Die Nazis vorn. Jetzt sind es ca. Zehn. Na ja, mal gucken was passiert. Der Zug fährt los. An den Bahnhöfen, an denen wir halten, steigen immer mehr Nazis zu. Ist das Zufall? Bestimmt nicht, die sind wegen uns hier. Mittlerweile dürften es deutlich mehr als wir sein. Und sie haben Waffen. Uns wird von Bahnhof zu Bahnhof immer schlechter. Immer mehr Nazis steigen ein. Ich habe Angst. Dann passiert es, ein Mob bewegt sich auf uns zu. Im letzten Augenblick verschließt der Schaffner die Tür zu unserem Abteil. Die Nazis bleiben draußen. Wir hatten erstmal Glück. Der Schaffner fragt uns, wo wir aussteigen wollen. Berlin-Ostbahnhof. Dort öffnet er dann wieder die Tür. Die restliche Fahrt über ist es ruhig. An den Bahnhöfen steigen die Nazis teilweise wieder aus. Aber nicht alle.

Endlich in Berlin. Wir stehen an der Tür, als der Zug einfährt. Ich gucke zu den anderen Gleisen. Die sehen aber ziemlich komisch aus, die da auf der anderen Seite zu warten scheinen. Wir steigen aus, die Nazis auch. Jetzt höre ich nur noch: »Das sind sie. Jetzt schnappt sie euch!« Alle rennen los, auch die von gegenüber. Treppe rauf, Treppe runter. Sie sind hinter uns her. Alle verstreuen sich, rennen voller Panik in alle möglichen Richtungen. Irgendwann sehe ich den Ausgang. Vor mir die Treppe, die zu diesem führt. Ich spüre einen Stoß und falle alle Stufen hinunter. Unten bleibe ich liegen. Alles tut mir weh. Ich denke, jetzt haben sie mich und sie haben Messer und Baseballschläger.

Doch mein Freund ist neben mir, er hilft mir hoch und stützt mich beim Rausrennen. Meine Rippen tun weh und mein Bein. Draußen verstecken wir uns hinter einem Busch. Vor dem Bahnhof bauen sich die Nazis auf und grölen irgendwas. Sie lassen von uns ab.

Nachdem ein paar Minuten vergangen sind, gehen wir wieder rein. Nach unseren BegleiterInnen gucken. Wir treffen jemanden aus unserer Gruppe. Er meint, BGS-Beamte sind auf dem Bahnsteig und fragt, ob wir verletzt wurden. Ich erzähle ihm vom Sturz. Er rät mir eine Anzeige zu machen. Ich bin einverstanden und gehe zu den Polizisten. Nachdem ich diese darauf hingewiesen habe, meine Personalien nicht direkt neben den Nazis aufzunehmen, entfernen wir uns von den Nazis, die durch die Polizei festgehalten werden.

Drei von uns geben ihre Personalien ab. Außer mir wurde noch eine weitere Person verletzt. Ihr wurde ins Gesicht geschlagen. Die BGS-Beamten nehmen auch von einigen Nazis die Personalien auf, aber lassen sie kurz darauf in die nächste Bahn einsteigen. Wir fahren auch nach Hause. Als ich mein Knie genauer anschaue, erschrecke ich mich, da ich einen monströsen Bluterguss habe. Nachdem die Schmerzen auch nach Tagen nicht besser wurden, gehe ich zum Arzt, der eine Rippenprellung und diverse Hämatome feststellt. Ein paar Wochen vergehen, bis ich zur Zeugenaussage geladen werde. Ich gehe, mache meine Aussage und erstatte Anzeige. Das war es dann. Ich höre nichts mehr über Monate. Ich versuchte telefonisch etwas herauszukriegen, doch ich bekomme keine Informationen. Das solle ich schriftlich beantragen, heißt es.

Nach etwa 2,5 bis 3 Jahren gehe ich zu meinem Anwalt, um zu schauen, was mit meiner Anzeige passiert ist. Als die Akten endlich da sind, stellt sich heraus, dass das Verfahren gegen die Nazis unrechtmäßig eingestellt wurde. Es wurde kaum ermittelt. Schon damals fragte ich mich: Warum ermittelt der Staatsschutz, wenn ein linker Aufkleber geklebt wird und warum wird ein Verfahren eingestellt, wenn man von 30 Neonazis mit Waffen gejagt wird? Stimmt der Spruch »Die Justiz ist auf dem rechten Auge blind«? Mein Anwalt reicht also Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens ein. Lange nichts. Also nochmal Beschwerde einreichen. Hallo?! Passiert hier mal was?!

Irgendwann nach langer Zeit stellt die Staatsanwaltschaft wohl fest, dass sie doch nochmal was machen müsse. Wir lassen uns nicht so einfach abspeisen. Also wird das Verfahren mit langer Begründung wieder aufgenommen. Toll! Jetzt müssen wir nur noch auf ein Verfahren warten. Das dauert natürlich auch noch. Zur Last gelegt wird den beiden Beschuldigten nun «besonders schwerer Landfriedensbruch«, »gefährliche Körperverletzung« und anderes. Na endlich Gerechtigkeit! Nach so vielen Jahren voller Schlamperei kriegen sie nun ihre Strafe für das, was sie mir antaten. Denkste! Der erste Beschuldigte wird erstmal gleich aus dem Verfahren rausgenommen. Das Verfahren gegen ihn wird vorläufig eingestellt, weil er anderweitig schon zu 1,5 Jahren Jugendstrafe verurteilt wurde und deshalb die für den Landfriedensbruch zu erwartende Strafe angeblich nicht mehr ins Gewicht fallen würde. Scheiße. Na gut. Dass nicht alle bestraft werden, habe ich ja schon mitbekommen. Wurde ja von Anfang an nur gegen zwei ermittelt. Am 19.02.2008 ruft meine Mutter an. Die Polizei war da und wollte einen Brief vom Amtsgericht Tiergarten für mich abgeben. Können die sich keine Briefmarken leisten? Und warum kriege ich den Brief nicht an meine Wohnadresse? Ich rufe also meinen Anwalt an und der sagt mir: »28.2.2008, 11.30 Uhr Prozess!« Okay! Aber über die Nebenklage ist noch nicht entschieden.

Eine Woche vergeht. Ich kriege immer noch keine Post zwecks Vorladung als Zeugin. Na gut, dann werde ich einfach hingehen und gucken, ob ich als Zeugin aussagen soll. Am 26.02.2008 dann der Beschluss: Nebenklage zugelassen und ich Hauptzeugin. Sehr kurzfristig, aber wundert es mich? Ist ja die ganze Zeit so scheiße gelaufen. Als Nebenklägerin ist mensch nicht gerade beliebt bei den Tätern. Könnte gefährlich werden. Egal! Ich steh das durch. Endlich, endlich Gerechtigkeit! Am Morgen, mir geht es nicht so gut, wie wird es laufen? Wir kommen an. Keine Ahnung, wo der Täter ist. Ich setze mich mit meinem Anwalt hin und warte. Die Minuten vergehen. Eine halbe Stunde. Alle möglichen Leute werden aufgerufen, nur wir nicht.

Nach 45 Minuten dann die Durchsage »Das Verfahren gegen Daniel K. wird eingestellt, vielen Dank, dass sie gekommen sind«. Habe ich mich gerade verhört? Das geht doch nicht, das können die doch nicht so einfach machen. Wo ist denn da die Gerechtigkeit? Die haben mich verletzt, die haben mich gejagt, ich hatte Angst und Schmerzen. Unglaubliche Wut kommt in mir hoch, Verzweiflung, Resignation. Mein Anwalt geht in das Prozesszimmer. Der Richter ist schon weg. Die Schreibkraft teilt meinem Anwalt mit, dass der Beschuldigte noch andere Verfahren haben soll, weswegen dieses eingestellt wird. Sie hatten wohl vergessen, uns das mitzuteilen. Zwei Tage vor dem Prozess wurde erst über die Nebenklage entschieden. Vergessen? Das geht doch nicht. Tja, nichts zu machen. Pech gehabt!

Ich bin am Ende mit den Nerven. Aber ich kann nichts machen. Das ist der deutsche Rechtsstaat.