Zahlen allein sprechen nicht für sich – Zum massiven Anstieg rechter Gewalt in Berlin 2006

Mit 155 Angriffen im Jahr 2006 (2005: 116) stieg die Anzahl rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten so hoch wie nie zuvor seit dem Bestehen von ReachOut. Die meisten der 258 von uns gezählten Opfer erlitten Körperverletzungen. Damit liegen die Zahlen weit über den von den Ermittlungsbehörden bisher erfassten Delikten. Ansteigende Zahlen allein zeichnen kein lebendiges Bild der gegenwärtigen Situation. Erst mit einem genaueren Blick auf die Opfer, die Tatmotive, die Angriffsorte und die gesellschaftlichen Debatten werden das bedrohliche Ausmaß und die Folgen der Angriffe zumindest annähernd begreifbar. So zeigt dieser Bericht auch, wie rechte Gewalt und die Diskurse um sie den Lebensalltag der (potenziellen) Opfer und die Arbeit der UnterstützerInnen prägen.

Statistische Aufarbeitung der Angriffe in Berlin 2006

Die statistische Aufarbeitung der rechten Gewalt in Berlin 2006 bezieht sich auf die von uns erstellte »Chronik rechtsextremer, rassistischer und antisemitischer Angriffe und Bedrohungen« in Berlin. Darin enthalten sind Meldungen der Polizei, der Medien, von lokal bzw. bezirklich arbeitenden KooperationspartnerInnen und die Informationen der Betroffenen. Die statistischen Erhebungen von ReachOut erfolgen auf der Grundlage der Kriterien, die von den CIVITAS-geförderten Opferberatungsprojekten erarbeitet wurden. In der gemeinsamen Datenbank hierzu werden Informationen zu den Angriffen in den jeweiligen Bundesländern und zur Beratung der Opfer erfasst. Maßgeblich für die Erfassung eines Angriffs sind die zugrunde liegenden Straftatbestände (Sachbeschädigung, Nötigung, Bedrohung, Körperverletzung, (versuchte) Tötung und Brandstiftung) und die Tatmotive der AngreiferInnen. Ob die Opfer Anzeige erstattet haben, spielt dabei keine Rolle.

Dunkelfeld und Abweichungen zu den offiziellen Zahlen

Zur berlinweiten Chronik ist anzumerken, dass nicht alle Opfer, die von ReachOut beraten werden, möchten, dass der Angriff auf sie dokumentiert wird. Aus Furcht vor weiteren Bedrohungen lehnen sie jegliche Form der Öffentlichkeitsarbeit ab. Dies respektieren wir selbstverständlich. So konnten für das vergangenen Jahr bisher 148 (2005: 113) von insgesamt 155 (2005: 116) Angriffen in die Chronik aufgenommen und somit veröffentlicht werden. Fälle rassistisch motivierter Polizeigewalt werden nicht als Angriffe gezählt und gesondert dokumentiert.

Insgesamt ist festzustellen, dass sich eine Vielzahl der bedrohlichen Situationen unterhalb von Straftatbeständen bewegt und nicht durch organisierte Rechtsextreme verursacht wird. Doch selbst wenn es sich um Straftaten handelt, werden oft keine Anzeigen erstattet. Die Betroffenen befürchten häufig aufgrund der räumlichen Nähe zwischen Opfern und TäterInnen weitere Repressionen und Bedrohungen. Auch wenn wir davon ausgehen können, dass die Menge der von uns erfassten Fälle von Jahr zu Jahr zuverlässiger das Ausmaß rechter, rassistischer, antisemitischer und homophober Gewalt abbildet, bleibt die Dunkelziffer nach wie vor hoch. Das zeigt sich bspw. in den Beratungsgesprächen, in denen die Betroffenen uns berichten, dass sie in der Vergangenheit bereits mehrfach bedroht und angegriffen wurden, uns bis dahin aber keine Informationen darüber vorlagen.

Aus der „Lagedarstellung der politisch motivierten Kriminalität in Berlin für das Jahr 2006“ geht hervor, dass 110 Gewaltdelikte im Bereich PMK rechts zur Anzeige gebracht wurden. Im Vergleich zu 2005 (52 Delikte) bedeutet das eine Zunahme um mehr als 100%, die vor allem durch einen massiven Anstieg von Körperverletzungen (2005: 44; 2006: 98) zustande kommen dürfte. Besonders auffällig sei hierbei die Entwicklung der „fremdenfeindlich“ motivierten Körperverletzungen, die sich um 172% auf 47 registrierte Fälle (2005: 15) erhöht hätten, so die Darstellung der Polizei. Die Differenz zwischen den Zahlen der Behörden und den Erkenntnissen von ReachOut ist jedoch noch höher, als die genannten Gesamtzahlen vermuten lassen. Während die Ermittlungsbehörden unter Gewaltdelikten verschiedene Straftaten wie Körperverletzungen, schwere Körperverletzungen, Widerstandsdelikte, Landfriedensbruch und schweren Raub zusammenfassen, werden in der Angriffsstatistik 2006 von ReachOut Körperverletzungen, schwere Körperverletzungen, Raub, Nötigungen, massive Bedrohungen und einige wenige schwerwiegende Sachbeschädigungen dokumentiert und gezählt. Zudem werden Angriffe angezeigt, von denen wir nichts erfahren, weil die Ermittlungsbehörden diese nicht veröffentlichen.

Die offiziellen Zahlen – bundesweit

Auch bundesweit ist für 2006 ein Anstieg um ca. 20 % und damit ein neuer Höchststand rechtsextremer Straftaten zu verzeichnen. Das zeigt die Übersicht, die im Auftrag der Bundestagsabgeordneten Petra Pau aufgrund ihrer monatlichen schriftlichen Anfragen erstellt wurde. Das Zahlenmaterial ist unvollständig und lässt keine tiefergehenden Erklärungen zu. Die Gewaltdelikte bspw. werden vom Bundesinnenministerium nicht nach konkreten Straftatbeständen aufgeschlüsselt.

Dennoch ergeben sich aus den Antworten des Bundesinnenministeriums auf Petra Paus Anfragen folgende Tendenzen: Während das Bundesinnenministerium 2005 bundesweit 10.271 „politisch motivierte Straftaten rechts“ angab, wurden für das Jahr 2006 bisher 12.240 Delikte erfasst. Auch eine deutliche Zunahme der Gewalttaten ist zu verzeichnen: Waren es 2005 bundesweit 588, sind es 2006 726 vorläufig erfasste Gewaltdelikte. Erfahrungsgemäß muss noch mit einem erheblichen Anstieg der Zahlen gerechnet werden. Dies liegt vor allem an den Nachmeldungen, die von den jeweiligen Bundesländern im Laufe der ersten Monate des neuen Jahres geliefert werden.

Berechnet man die Anzahl der Delikte in den jeweiligen Bundesländern pro 10.000 EinwohnerInnen standen 2005 Sachsen (1.746 Delikte) und Berlin (1.195 Delikte) an den vordersten Stellen. Insgesamt wurden 588 Gewaltstraftaten offiziell erfasst. Dagegen gehen die CIVITAS-geförderten Opferberatungsstellen 2005 allein für die neuen Bundesländer und Berlin von 614 rechtsextrem, rassistisch und antisemitisch motivierten Gewalttaten aus. 2006 verzeichnen die Projekte mit insgesamt 820 Angriffen einen dramatischen Anstieg.

Rassistisch motivierte Gewalt – rassistische Einstellungsmuster: Die „Mitte der Gesellschaft“

Rassismus ist nach unseren Erkenntnissen im vergangenen Jahr in Berlin das häufigste Motiv bei den von ReachOut dokumentierten Angriffen. Deswegen reflektieren wir an dieser Stelle zwei der neuesten wissenschaftlichen Studien und konzentrieren uns auf deren Ergebnisse im Hinblick auf rassistische Einstellungsmuster und die Verankerung rassistischen Denkens in der Bevölkerung. Gerade in Zeiten, in denen die Aktivitäten der NPD und anderer rechtsextremer Organisationszusammenhänge im Fokus des öffentlichen Interesses stehen, halten wir die Analyse rassistischer Einstellungen, die eben auch nach unserer Einschätzung weit verbreitet sind und auf Akzeptanz in nahezu allen Bevölkerungsgruppen treffen, für unentbehrlich.

Zur Gesamtsituation in Deutschland erscheint seit nunmehr fünf Jahren die Studie „Deutsche Zustände“ (Hrsg.: Wilhelm Heitmeyer: Deutsche Zustände, Folge 5, Ffm. 2007). Im Dezember 2006 erschien der fünfte Teil. Im Mittelpunkt stehen dabei Untersuchungen zur »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«. Dazu zählen nach der Definition von Heitmeyer neben »Fremdenfeindlichkeit« und Rassismus religiöse Abwertungen und Diskriminierungen, die sich vor allem gegen Jüdinnen und Juden und Muslime und Muslimas richten. Darüber hinaus richten sich Hass und Abwertung auch gegen Obdachlose, Homosexuelle, Behinderte und Frauen.

Die beteiligten WissenschaftlerInnen der Studie kommen zu dem Ergebnis, dass „fremdenfeindliche“ Einstellungen von Jahr zu Jahr konstant zunehmen. Knapp 50% der Deutschen seien fremdenfeindlich eingestellt. 20% neigen zu rechtspopulistischen Vorstellungen. So gebe es nach wie vor eine eindeutige Zustimmung zu der Aussage, dass zu viele „Ausländer“ in Deutschland lebten und man sie in ihre Herkunftsländer schicken solle, wenn die Arbeitsplätze knapp würden.

Ein weiterer Befund der Analyse zeigt: je ausgeprägter der Nationalstolz, der Stolz Deutscher/ Deutsche zu sein sei, so Heitmeyer, desto signifikanter werden „fremdenfeindliche“ Einstellungen. Die Aufwertung der eigenen Gruppe bedeutet immer auch eine Abwertung der sogenannten Fremden.

Dies ist gerade auch im Rückblick auf das vergangene Jahr und die Fußballweltmeisterschaft aufschlussreich. Der viel bejubelte und gelobte positive Bezug auf die deutsche Fahne und das Nationalgefühl muss u.E. immer als Gefahr für all diejenigen begriffen werden, die als nicht dazu gehörig definiert werden. Ähnliche Erkenntnisse bezüglich der rassistischen Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft gehen auch aus einer Studie hervor, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Auftrag gegeben wurde (Oliver Decker/Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte – Rechtsextreme Einstellung und ihre Einflussfaktoren in Deutschland, Berlin 2006). Die Autoren kommen zu dem Ergebnis: Rechtsextreme Einstellung sind vorwiegend in der Mitte der Gesellschaft verankert und kein Problem des Randes oder bestimmter Altersgruppen. Für die Studie wurden bundesweit ca. 4700 Männer und Frauen über 14 Jahren in 210 Städten und Gemeinden befragt.

Auch wenn die Art solcher Studien bzw. die zugrunde liegenden Befragungen – das gilt im Übrigen auch für die Studie von Heitmeyer – durchaus kritisch reflektiert werden müssen, bleiben die Ergebnisse erschreckend. Zu kritisieren wäre beispielsweise, inwiefern Fragen, die rassistische oder antisemitische Grundannahmen implizieren, solche Einstellungen nicht sogar noch verstärken und vorhandene, durchaus sinnvolle Tabus bei den Befragten brechen. Mehr als ein Viertel der Deutschen stimmen grundsätzlich rassistischen Aussagen zu. Bei Aussagen wie „die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“ stimmen fast 36% zu und 21,7% stimmen teilweise zu. 35% finden: „Wenn Arbeitsplätze knapp werden, sollte man die Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken“, fast 30% sind mit dieser Aussage teilweise einverstanden.

Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass die „Ausländerfeindlichkeit“ vor allem bei AnhängerInnen etablierter Parteien auf ein entscheidendes Problem verweise: „Die öffentlich dokumentierte Akzeptanz von Ausländerfeindlichkeit macht diese zu einer ebenso akzeptierten politischen Position. (…) Deshalb ist bei diesem Thema höchste Sensibilität von politischen Akteuren gefordert, denn von Politikern vertretener Rassismus führt zu Massenrassismus.“ (S. 167f)

Zur Bekämpfung von Rassismus, so die Autoren, gehöre zunächst einmal die Beseitigung struktureller Rassismen, bspw. Gesetzesnormen, die nur für MigrantInnen gelten würden.

Die Debatte über die „No-go-areas“ im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaft

Die Auseinandersetzung um die „No-go-areas“ in den Wochen unmittelbar vor der Weltmeisterschaft findet an dieser Stelle ein besondere Würdigung, weil sie die Arbeit von ReachOut in den  Monaten April–Juni 2006 ganz entscheidend geprägt, teilweise sogar dominiert hat.

Auslöser für die Debatte war eine Pressemitteilung der „Internationalen Liga für Menschenrechte“ und des Afrika-Rates vom 20. April 2006. Darin wird auf das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft „Die Welt zu Gast bei Freunden“ mit der Überschrift „Zuhause bei Feinden?“ Bezug genommen. Es gebe in Berlin und Brandenburg für Menschen afrikanischer Herkunft sogenannte „No-go-areas“. Dort seien diese einer erhöhten Gefahr ausgesetzt, rassistisch motiviert angegriffen zu werden. Man werde, so die AutorInnen, „zum Schutz von tausenden Menschen afrikanischer Herkunft, die zur Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland kommen werden, (…) einen Katalog mit Vorsichtsmaßnahmen veröffentlichen.“ Zudem sollte vom Afrikarat eine Liste von „No-go-areas“ erstellt werden. Bestätigung fanden diese von den Medien viel beachteten Äußerungen am 17. Mai 2006 im Deutschlandradio. Interviewt wurde Uwe-Karsten Heye: „Ich glaube, es gibt kleinere und mittlere Städte in Brandenburg und auch anderswo, wo ich keinem raten würde, der eine andere Hautfarbe hat, hinzugehen. Er würde es möglicherweise lebend nicht wieder verlassen.“

Das Spektrum der darauf folgenden Reaktionen war beachtlich: Es reichte von Empörung von Seiten der brandenburgischen Landesregierung über Beschwichtigungsversuche des Berliner Innensenators bis hin zu klaren Zustimmungen von Bundestagsabgeordneten wie Sebastian Edathy. Sebastian Edathy, Mitglied der SPD-Fraktion und Vorsitzender des Innenausschusses, verwies darauf, dass auch er zu bestimmten Zeiten nicht alleine nach Treptow-Köpenick fahren würde. Ehrhart Körting, der am 19. Mai ebenfalls im Deutschlandradio interviewt wurde, betonte dagegen: Edathys Äußerung sei eine „gefühlte Sorge“. „Ich glaube sie (die dunkelhäutigen BesucherInnen, d.A.) können überall in der Stadt rumlaufen.“

Vor allem aber das Interesse, die Neugier und die Suche nach harten Fakten von Seiten der nationalen und internationalen MedienvertreterInnen beeinflussten schließlich in ganz erheblichen Maße die Arbeit von ReachOut. Fast täglich erhielten wir sehr kurzfristige Interviewanfragen, Statistiken mussten auf den neuesten Stand gebracht und Gesprächstermine vereinbart werden. Gleichzeitig forderten politische AkteurInnen Fakten von uns: Entweder, um ihre eigene These der „No-go-areas“ zu be- oder eben zu widerlegen. Und nicht zuletzt gerieten die Opfer selbst in den Fokus des öffentlichen Interesses. Einzelschicksale wurden veröffentlicht, die Folgen eines Angriffs aufgezeigt und die Arbeit der Beratungsprojekte gewürdigt.

Positiv an der Debatte war, dass der Umstand der tatsächlich zunehmenden Angriffe, der sich bereits im Mai 2006 deutlich abzeichnete, öffentlich diskutiert werden konnte. Rechtsextremismus und Rassismus wurden über mehrere Wochen als gesellschaftliche Probleme benannt und diskutiert.

Dennoch ist der Versuch, klar umrissene „No-go-areas“ zu definieren äußerst problematisch. Die Festlegung impliziert, dass es absolut sichere Orte bezüglich rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalttaten geben könnte. Zumindest für Berlin gilt, dass die Angriffssituation nach unseren Erkenntnissen weitaus komplizierter ist. Nahezu überall in Berlin finden Angriffe zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten statt, am häufigsten im öffentlichen Raum. Zudem kann nicht allein die Anzahl der Delikte Auskunft darüber geben, wie sich die Situation in einem Bezirk, an einem Bahnhof etc. für potenzielle Opfer darstellt. Das hängt auch davon ab, welche Plakate, Aufkleber, Symbole im öffentlichen Raum zu sehen sind und wie sich PassantInnen bei einem Angriff in der Vergangenheit verhalten haben bzw. mit welcher Feindseligkeit Menschen konfrontiert sind, die als nicht zur Mehrheitsgesellschaft dazugehörig gelten. Außerdem müssen wir davon ausgehen, dass auch in Berlin Stadtteile oder zumindest Kieze existieren, in denen sich potenzielle Opfer aus berechtigter Angst vor Angriffen kaum noch, zumindest nicht alleine oder eben nicht mehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen. So sinken die Angriffszahlen mitunter auch, weil sich dort all diejenigen, die nicht in ein rechtes, rassistisches Weltbild passen, nicht mehr selbstverständlich bewegen.

Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass potenzielle Opfer auch in Bezirken leben, die als gefährlich für sie gelten. Manche entscheiden sich ganz bewusst dafür zu bleiben, andere haben nicht die Möglichkeit umzuziehen. Diese Bezirke als „No-go-areas“ zu deklarieren, würde bedeuten, den Betroffenen die Verantwortung für ihre Sicherheit zu übertragen und deren Lebenswirklichkeit komplett auszublenden. Wenn dann doch ein Angriff geschähe, wären sie schlimmstenfalls selbst schuld. Schon jetzt werden Opfer häufig mit Fragen konfrontiert, warum sie sich überhaupt zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten aufhielten. Schließlich wisse man ja, wie gefährlich das sein könne. Sowohl die politisch Verantwortlichen als auch die Sicherheitskräfte würden aus der Verantwortung entlassen, den Schutz und die körperliche Unversehrtheit aller Menschen, unabhängig von ihrem Aussehen, ihrer Herkunft und ihrem sozialen Status zu gewährleisten.

Rechtsextremismus als jugendtypisches Phänomen?

Im öffentlichen Diskurs überwiegt für den Bereich der rechtsextrem motivierten Straftaten und hierbei besonders für die Gewaltdelikte nach wie vor die Behauptung, es handele sich um ein „jugendtypisches Problem“. Die Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden in den zurückliegenden Jahren widersprechen diesem hartnäckigen Vorurteil. Auch die jüngsten wissenschaftlichen Ergebnisse zeigen, dass sich Rechtsextremismus, Rassis mus und Antisemitismus eben gerade nicht vorwiegend bei Jugendlichen zeigen. Die Autoren der Studie „Vom Rand zur Mitte“ zeigen ganz im Gegenteil, dass vor allem RentnerInnen, VorruheständlerInnen und arbeitslose Erwachsene eine besondere Affinität zu rechtsextremen Einstellungen haben.

Dennoch: Jugendliche Täter bzw. rechtsextrem orientierte Jugendliche stehen nach wie vor im Vordergrund der öffentlichen Darstellungen. Vor allem bei der Konzeptionierung von geeigneten Handlungsansätzen gegen Rechtsextremismus und Rassismus dominieren Jugendliche nach wie vor als Zielgruppe. Diese verzerrte Wahrnehmung läuft übrigens konträr zu den Erfahrungen der potenziellen Opfer rechter/rassistischer Gewalt. Sie sind täglich mit den unterschiedlichen Erscheinungsformen rassistischen Handelns konfrontiert und wissen, dass sie jederzeit an jedem Ort unabhängig vom Alter der meist männlichen Täter angegriffen, beleidigt und erniedrigt werden können.

Eine Reduktion von Rassismus und Rechtsextremismus auf ein Jugendphänomen bedeutet für sie die Verharmlosung des Problems und eine Ignoranz gegenüber der Lebenswirklichkeit der Betroffenen.

Seit 2004 hat der Berliner Verfassungsschutz in seine Statistik die sogenannten „Rechts-Links- Auseinandersetzungen“ aufgenommen. Dies legt den Schluss nahe, dass es sich hier um gleichberechtigte Auseinandersetzungen zwischen politischen GegnerInnen handele. Suggeriert wird zunächst, dass es keine klare Unterscheidung zwischen Opfern und TäterInnen geben könne. Wir halten das für Augenwischerei. Schaut man sich dann das Kleingedruckte im VS-Bericht 2005 an, wird in einem Nebensatz erwähnt: „Konkrete Anhaltspunkte, die auf die Ursache des Anstieges schließen lassen, sind aus den vorliegenden Sachverhalten, bei denen es sich in allen Fällen um Körperverletzungen zum Nachteil vermeintlich oder erkannter Personen der „linken Szene“ handelte, nicht zu erkennen.“ (Berliner VS-Bericht 2005, S. 333)

Die Folgen eines Angriffs für die Opfer

Menschen nicht-deutscher Herkunft müssen ihren Alltag in einem Klima der allgegenwärtigen Diskriminierung im Wohn- und Arbeitsumfeld und von Seiten der Behörden gestalten. Ihre Ausgrenzungserfahrungen gehen weit über die direkte Bedrohung durch Rechtsextreme hinaus. Rassistische Stereotypen werden in weiten Teilen der Bevölkerung nach wie vor als selbstverständlich betrachtet, so dass nur selten eine Solidarisierung mit den Opfern stattfindet.

Das gilt auch für andere Opfergruppen: Sozial Benachteiligte (vor allem Wohnungslose), Punks, nicht-rechte Jugendliche und Behinderte sind mit gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen konfrontiert, die soziale, kulturelle und politische Ab- und Ausgrenzungsmechanismen fördern, ihr Alltag ist häufig durch Diskriminierungserfahrungen geprägt.

Unsere Recherchen und besonders die Gespräche mit den Betroffenen, zeigen, dass potenzielle Opfer an keinem Ort und zu keiner Tageszeit wirklich sicher sind. Das wird vielen erst dann bewusst, nachdem sie bedroht, geschlagen und gedemütigt wurden. Häufig kommt ihnen niemand zur Hilfe. Die Gleichgültigkeit und die heimliche oder offen gezeigte Zustimmung der PassantInnen und Umstehenden ist mindestens genauso verletzend und schmerzhaft wie die körperlichen Wunden, die die Opfer davontragen. Ihr Vertrauen in ihre Umwelt und in ihre Mitmenschen wird bis ins Mark erschüttert – nichts ist mehr so wie es war.

Eine weitere Folge der allgegenwärtigen Bedrohungs- und Ausgrenzungssituation ist, dass die erlittenen Angriffe von den Betroffenen nicht thematisiert werden. Sei es aus Angst, Schwäche zu zeigen, sei es, um möglichst schnell zu vergessen oder sich aus Selbstschutz bzw. aufgrund anderer existentieller Sorgen zu weigern, sich mit den Gewalterfahrungen intensiver auseinander zusetzen. Wenn Gewalt- und Bedrohungssituationen alltäglich werden, versuchen viele sich mit der Situation so gut es eben geht zu arrangieren, d.h. häufig sich damit abzufinden.

Wenn die Betroffenen in den jeweiligen Bezirken relativ isoliert leben von Bezugsgruppen oder Einrichtungen, die ihnen Unterstützung und Sicherheit geben könnten, sind die Handlungsspielräume gering und die psychische Belastung enorm groß. Aufgrund dieser Situation können die Folgen eines Angriffes Ohnmacht, Angst, Unsicherheit, Misstrauen, Rückzug, Isolation bis hin zu posttraumatischen Belastungsstörungen und schließlich mangelnden Möglichkeiten zur Integration sein. Häufig werden vor allem männliche Opfer von Angriffen für das, was ihnen angetan wurde, selbst verantwortlich gemacht.

So berichten uns Klienten immer wieder, dass sie nach einem Angriff in ihrem Umfeld aber auch von Seiten der Polizei mit Fragen konfrontiert werden: Warum sie überhaupt diesen Ort aufgesucht hätten, warum sie sich provokativ kleiden würden (dies ist vor allem bei jungen Punks der Fall) oder warum sie den verbalen Äußerungen der TäterInnen Beachtung geschenkt hätten etc.. Durch diese Form des Umgangs mit den Opfern, kommt es häufig zu einer sekundären Traumatisierung.

Eine Hierarchisierung der Opfer?

In der Unterstützung der Opfer und vor allem in der medialen Berichterstattung fällt ein Aspekt in den letzten Jahren auf. Wir beobachten, dass ein Angriff häufig dann auf öffentliches und politisches Interesse stößt, wenn die Opfer eingebunden sind in Strukturen, die gesellschaftlich und politisch eine hohe Anerkennung und Akzeptanz erfahren. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist der Angriff auf die Wahlkampfhelfer der SPD in Hellersdorf. Zu recht zeigten sich sowohl der Regierende Bürgermeister, als auch andere politische AkteurInnen betroffen und empört über den perfiden Angriff, sprachen öffentliche Verurteilungen aus und sicherten den Opfern ihr Mitgefühl und Unterstützung zu. Dementsprechend häufig und ausführlich haben die Medien über den Angriff und die Folgen berichtet.

Das bezeichnen wir als vorbildliche Vorgehensweise und eine angemessene Aufmerksamkeit für die Opfer. Gleichzeitig wurde den Tätern und ihren AnhängerInnen klar signalisiert, dass deren brutales Vorgehen in keiner Weise toleriert wird. Als Beratungseinrichtung würden wir uns wünschen, dass Opfer, die nicht per se über eine ähnliche Lobby verfügen – beispielsweise junge PunkerInnen oder Flüchtlinge – die gleiche Aufmerksamkeit, die gleiche Empathie erfahren und die gleiche Empörung gegenüber den TäterInnen bekundet wird. So wären sicher unsere Bemühungen, Unbeteiligte während eines Angriffes zum Helfen und Eingreifen zu motivieren und die Opfer besser zu schützen weitaus Erfolg versprechender.

ReachOut ist ein Beratungsprojekt für Opfer rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin. Unterstützt und beraten werden auch deren Angehörige, FreundInnen und ZeugInnen eines Angriffs. ReachOut recherchiert rechte, rassistische und antisemitische Angriffe in Berlin und veröffentlicht dazu eine Chronik. Außerdem bietet das Projekt antirassistische, interkulturelle Bildungsprogramme an. In diesem Artikel berichtet ReachOut über die Statistik der Gewalttaten und bettet die tiefergehende Analyse der Hintergründe in eine Betrachtung gesellschaftlicher Diskurse ein.