»Institut für Staatspolitik« auf preußischen Wegen

 

Gastbeitrag von Svenja Reutling (der Artikel erschien zuerst in Der Rechte Rand #142)

Bild: Reenactment anlässlich 200 Jahre  „Völkerschlacht bei Leipzig“ am 20. Oktober 2013       (c) Presseservice Rathenow

 

 

Der nationalistische Kampf gegen Napoleon treibt im Frühjahr 2013 weite Teile der (extremen) Rechten um. Der Anlass: Vor 200 Jahren begannen die ›Befreiungskriege‹, an deren Erfolg Preußen einen nicht unbedeutenden Anteil hatte. Die Rechte sieht in ihnen aber vor allem einen identitätsstiftenden Charakter für die ›Deutsche Nation‹.

»1813-1913-2013 – Mut zur Geschichte« lautete das Motto des 22. »Berliner Kollegs« des ›neu-rechten‹ »Instituts für Staatspolitik« (IfS), das am 13. April 2013 wie gewohnt im »Logenhaus« in Berlin-Wilmersdorf veranstaltet wurde. Damit standen zum wiederholten Male Preußen und die Klage über die (Nicht-)Wahrnehmung seiner Geschichte in der Gegenwart auf der Agenda, der rund 100 TeilnehmerInnen gespannt folgten. Entlehnt ist der Tagungstitel dem Buch »Mut zur Geschichte« (1983) aus der Feder des ›neu-rechten‹ Historikers Hellmut Diwald. Dessen inhaltlichem Postulat, man müsse sich zur deutschen Geschichte bekennen, folgte das Institut nicht zum ersten Mal.

Preußen als Bezugspunkt

Der Geschäftsführer des Instituts, Erik Lehnert, versuchte in seiner Einführung den historischen Rahmen für die drei folgenden Referenten zu skizzieren und eventuelle Unklarheiten bezüglich des Tagungsmottos aufzulösen. An den 200. Jahrestag des Eingreifens Preußens in die Befreiungskriege werde, so Lehnert, im Vergleich zu anderen historischen Ereignissen in der Öffentlichkeit nur am Rande erinnert. Begründet sei dies »in dem gespaltenen Verhältnis zur Nation und unserer Geschichte«, lamentierte er. Die zentrale Bedeutung dieser kriegerischen Auseinandersetzung in der Bewusstseinswerdung der deutschen Nation werde missachtet, schlimmer noch, die Nation werde zugunsten eines »Weltbürgertums« abgeschafft, so Lehnert, der damit den Bogen vom Gestern zum Heute spannte. Bereits im Vorfeld der Tagung wurde das Thema 1813 ausführlich in der »Sezession«, der Zeitschrift des Instituts, und auf dem gleichnamigen Internetblog mit einer ähnlichen Betrachtungsweise behandelt.

Historie und Ästhetik

Jan von Flocken, Historiker und Journal ist aus Berlin, referierte dann als erster unter dem Titel »›…wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutsche zu sein‹. Die Befreiungskriege und die Geburt einer Nation«. Er stellte in seinen Ausführungen die wesentlichen Ereignisse dieser Auseinandersetzungen in den Kontext der Entstehung der deutschen Nation, die dann schließlich in die Reichsgründung mündete. Nach dem Autor der »Jungen Freiheit« und der Zeitschrift »Compact« folgte der emeritierte Universitätsprofessor Michael Stahl. Dieser setzte sich mit dem Werk des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel und seiner Bedeutung für die »ästhetische Erziehung der Deutschen« auseinander. Dabei konzentrierte sich Stahl auf historisch-philosophische Ausführungen bezüglich der Nationenbildung. Der dann folgende obligatorische Vortrag des ideologischen Kopfes des IfS, Karlheinz Weißmann, verdeutlichte schließlich die Zielsetzung und Ausrichtung dieser Veranstaltung und die Bedeutung dieses Datums für das IfS. Unter der Überschrift »1813-1913-2013. Die gelungene Rezeption eines Mythos und der fehlende Mut zur Geschichte« kritisierte Weißmann ebenso wie Lehnert die fehlende Auseinandersetzung mit dem Jahr 1813 in der gegenwärtigen Öffentlichkeit. In seiner Wiedergabe der Rezeption dieses historischen Ereignisses hob er die positive Bezugnahme der Geschichtspolitik in der DDR hervor, während die anti-napoleonischen Befreiungskriege als nationaler Bezugspunkt in der BRD keine Rolle spielten, so der Northeimer Gymnasiallehrer.

Berlin, Berlin …

Bereits am Vorabend des »Berliner Kollegs« war Erik Lehnert als Referent – nicht zum Thema 1813, sondern zur »Bundeszentrale für politische Bildung« (s. drr Nr. 139) – zum wiederholten Mal Gast bei der Berliner »Burschenschaft Gothia«. Trotz ihres Austritts aus der »Burschenschaftlichen Gemeinschaft« ist sie immer noch Mitglied der »Deutschen Burschenschaft« (DB). Sie spielt eine nicht unwesentliche Rolle im rechtskonservativen Milieu Berlins, in dem das Institut immer präsenter wird. Erst jüngst, am 7. Dezember 2012, eröffnete das IfS den »Staatspolitischen Salon« in Berlin-Köpenick mit einem Abend unter dem Thema »20 Jahre anschwellender Bocksgesang«. Jener 1993 von Botho Strauss veröffentlichte Essay kann wohl als ein Fanal für das Spektrum rund um die Zeitschrift »Junge Freiheit« gelten, aus dem eben 2000 auch das IfS erwachsen ist.

1813 – mehr als Erinnerung

Die gleichen Kritikpunkte des IfS an der gegenwärtigen Gedenkpolitik vertritt der Herausgeber der »Jungen Freiheit«, Dieter Stein: »Eine Nation schämt sich ihrer Geburt«, betitelt er seine Kolumne zum Ereignis (JF, 12.4.2013). Schwer begreiflich sei es, »weshalb wir uns nicht entschieden zu unserer Identität bekennen und über die eigene Nationwerdung freuen«, schreibt er, ohne Substantielles hinzuzufügen – was auch der Wochenzeitung »Preußische Allgemeine« nicht gelingt, wenn sie daran erinnert, dass König Friedrich Wilhelm III. 1813 das »Eiserne Kreuz« stiftete, noch der NPD mit ihren Wortmeldungen. Einzig der Bogen, den das Milieu letzterer schlägt, überrascht dann doch ein wenig, wenn die heutige ›nationale Bewegung‹ zum Erbe der Freiheitskriege verklärt wird – damals gegen Napoleon und Frankreich, heute gegen eine »vaterlandslose wie gewissenlose supranationale Macht- und Finanzelite«. Das Jahr 1813 bietet eben für jede (rechte) Interpretation Anknüpfungspunkte.