Die Wirren um die Spitzel

Der Berliner Innensenator redet Relevanz eines früheren rechtsextremen V-Manns klein. Dennoch zeigt der Fall erneut das Ermittlungsversagen in der NSU-Mordserie.

 
Nick Greger im ThorSteinar-Hemd beim Interview mit dem rechten Publizisten Jürgen Elsässer. Für Sonntag den 2.Februar wird eine Stellungnahme Gregers zur V-Mann-Debatte angekündigt. (Bild: Screenshot der Compact-Website)

Die einstige „VP 598“ trägt heute Glatze und Tattoos. Die letzten Jahre verbrachte der stämmige 36-Jährige in Afrika, ließ sich christlich taufen, nannte sich einen Kämpfer gegen den Islam. Sein Name: Nick Greger. In den Neunzigern gehörte der Mann zur militanten Neonazi-Szene, spezialisiert auf die Organisation von Rechtsrock-konzerten und Gewalttaten. Jahrelang saß er im Knast. Dann, 2005, verkündete er seinen Ausstieg.

Am Donnerstag erklärte Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) in einer Sondersitzung des Innenausschusses, was er tags zuvor bereits einräumen musste: Besagter Greger war von 2001 bis 2003 V-Mann des Berliner LKA. Und damit bereits der zweite Spitzel, den die Berliner in der militanten Neonazi-Szene der neunziger Jahre führten – dem Umfeld, in dem sich auch das spätere NSU-Trio bewegte. Bereits 2012 musste Henkel einräumen, dass sein LKA mit dem Sachsen Thomas S. einen direkten NSU-Bekannten als V-Mann angeheuert hatte. S. war mit Beate Zschäpe liiert, half dem Trio beim Untertauchen und überbrachte diesem ein Kilo TNT.

Die Bedeutung von Greger redete der Senator dagegen klein, bezeichnete ihn als „Wichtigtuer“, der „wildeste Verschwörungstheorien“ verbreite. Auch Polizeipräsident Klaus Kandt sagte, Gregers Aussagen hätten „keinen Bezug zum NSU“.

Greger wurde noch in der Haft für einen geplanten Rohrbombenanschlag als Informant angeheuert. Auf neun Treffen berichtete er dem LKA über Skinheadgruppen oder die Neonaziband Landser. 2003 schaltete das LKA Greger ab, laut Kandt wegen „Unzuverlässigkeit“. Greger hatte sich auch an andere Nachrichtendienste gewandt. Die Berliner verschickten daraufhin eine „Warnung“ an ihre Partner.

Auch ein Treffen zweier Berliner LKAler mit Greger im letzten Oktober stellte Kandt als harmlos dar. Greger sei, so wie weitere frühere V-Leute, auf eine mögliche „Gefährdung“ hingewiesen worden. Das geschah, als das LKA dem Berliner Innenausschuss Akten übergeben musste, in denen auch Greger auftauchte.

So harmlos war Gregers Anwerbung indes nicht: War dieser doch bekannt mit der Neonazigröße Carsten S., der unter dem Namen „Piatto“ eine „Topquelle“ des Brandenburger Verfassungsschutzes war. Dort hatte „Piatto“ berichtet, dass das untergetauchte NSU-Trio Waffen suche und einen Überfall plane. Auch die andere Berliner Quelle, Thomas S., hatte das LKA auf „Piattos“ Nähe zum NSU hingewiesen: Dieser habe einem Bekannten des Trios Waffen angeboten. Heute wird dieser Mann als NSU-Helfer beschuldigt. Damals aber puzzelten die Beamten all diese Informationen nicht zusammen. Das Trio blieb unentdeckt.

Damit geraten die Sicherheitsbehörden weiter in Bedrängnis. Denn mit Greger steigt die Zahl der V-Männer mit NSU-Bezügen weiter. Bereits enttarnt wurden: der frühere Kameradschaftsführer Tino Brandt, der dem Trio Reisepässe vermittelte; der Neonazi Thomas „Corelli“ R., den die Untergetauchten auf einer Kontaktliste führten; oder Michael S. alias „Tarif“, der mit Uwe Mundlos bekannt gewesen sein soll. Trotz dieser Kontakte wurde das Trio nicht aufgespürt. Einige der damaligen Beamten machten indes Karriere. So ist der einstige V-Mann-Führer des Brandenburger Carsten S. heute Chef des sächsischen Verfassungsschutzes. Er lässt wissen, dass es heute „undenkbar“ wäre, Gewalttäter wie S. anzuwerben.

Etliche V-Männer tummelten sich im NSU-Umfeld – doch den Behörden fiel nichts auf.

Dieser Artikel erschien zuerst am 31.01.2014 auf taz.de.