Rechtspopulistische Männerherrlichkeit

Wie „Die Freiheit“ und „Pro Deutschland“ Männlichkeit inszenieren

 
Marc Doll am 3. Oktober 2010 auf dem Potsdamer Platz in Berlin

„Ich steh’ also hier nicht als Funktionsträger von der CDU. Deshalb zieh’ ich jetz’ auch am besten meine Politikerkluft aus, um das auch hier bißchen bildlich darzulegen. Ich steh’ hier als einfacher Bürger, als einfacher besorgter Bürger. Besorgt, so wie ihr es auch seid.“ Daraufhin zieht der Redner theatralisch sein Sakko aus und wirft es beiseite. Der Redner ist Marc Doll, derzeit stellvertretender Vorsitzender der Partei „Die Freiheit – Partei für mehr Freiheit und Demokratie“.

Er spricht auf einer Kundgebung der antimuslimischen „Bürgerbewegung Pax Europa“ (BPE) für den niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders im April 2010. Diese Szene ist geradezu typisch für das maskuline Auftreten von Vertretern des Rechtspopulismus.
Auch die rechtspopulistischen Organisationen „Pro Deutschland“ und „Die Freiheit“ gerieren sich immer wieder als Sprachrohre des „kleinen Mannes“. Doch sind „Pro Deutschland“ und „Die Freiheit“ reine Männergruppierungen? Die Performance rechtspopulistischer Männer weckt Assoziationen und möchte Glauben machen: Wir hätten es mit einem einfachen Bürger – „wie du und ich“ – zu tun, der „jetzt endlich mal“ ausspricht, was sowieso alle denken würden. Es geht dem Rechtspopulismus in erster Linie um die ganz subjektiven Ängste der Mittelschichtsmänner vor sozialer Deklassierung. Diese Angst zeigt sich nicht nur in der rassistischen Abwehr von Muslim/innen und Zuwanderung, sondern auch mittels eines patriarchalen und chauvinistischen Auftretens. Dabei sind Frauen mitnichten weniger rassistisch als Männer. Aber das Auftreten von Männern als „Beschützer“ von Frauen hat die Ausprägung besonderer geschlechtlicher Muster zur Folge. Denn die Bürger-Männlichkeit fürchtet um die patriarchalen Pfründe – die Vorherrschaft in Familie, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur – und scheut jedwede Modernisierungseffekte im Geschlechterverhältnis, die als „Gender-Wahnsinn“ beschrieben werden.
In der Öffentlichkeitsarbeit spielen Frauen kaum eine Rolle, wenngleich es sie auch bei den Rechtpopulist/innen gibt: Die nationalistische Rapperin „Dee Ex“ konnte sich zwischenzeitlich für „Die Freiheit“ erwärmen, zog sich dann aber zurück – angeblich um dem Parteiprojekt nicht zu schaden. „Dee Ex“ vertrat in der Vergangenheit mehrfach verschwörungstheoretische und antisemitische Positionen. Die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig, die mit ihrem Buch „Das Ende der Geduld“ postum Bekanntheit erlangte, sollte „das Gesicht“ der Partei werden, so behauptet der Bundesvorsitzende René Stadtkewitz im Gespräch mit „Der Spiegel“. Den Vorsitz der Fraktion von „Pro Köln“ im Stadtrat der Rheinmetropole hat die 29jährige Judith Wolter inne. Trotzdem: Im Bundesvorstand von „Pro Deutschland“ finden sich zehn Männer, aber nur zwei Frauen. Der Berliner Landesverband der Wählervereinigung verzichtet gänzlich auf Frauen in der Führungsriege. Ebenso kommt der Bundesvorstand der Partei „Die Freiheit“ ohne Frauen aus. Die führenden Figuren von „Pro Deutschland“ und „Die Freiheit“ sind keineswegs charismatische, rhetorisch versierte Lichtgestalten. Stadtkewitz ist nicht der „deutsche Geert“, als den ihn „Der Spiegel“ verspottete. In den Niederlanden konnte der Rechtspopulist Geert Wilders einen wahren Hype um die eigene Person entfachen. Auch Manfred Rouhs, Bundesvorsitzender von „Pro Deutschland“, wirkt im Rahmen der recht kläglichen, schlecht besuchten Veranstaltungen der selbsternannten „Bürgerbewegung“ in Berlin bisweilen blass. Der millionenschwere Schwede Patrik Brinkmann, der den Berliner Ableger von „Pro Deutschland“ ins Abgeordnetenhaus führen wollte, zerstritt sich offenbar mit Rouhs und nähert sich der Wählervereinigung nur zögerlich wieder an. Dabei ist eine starke Führungsfigur mit Charisma wichtig für den Erfolg rechtspopulistischer Parteien. Das zeigen Beispiele aus anderen Staaten Europas und das zeigt das Beispiel des Rechtspopulisten Ronald Schill, der mit seinem markigen Auftreten als „Richter Gnadenlos“ in Hamburg 2001 großen Erfolg hatte. Es bedarf eines „Machers“, der dem Image einer „Bürgerrechtspartei“ („Die Freiheit“) respektive „Bürgerbewegung“ („Pro Deutschland“) mit „klaren Worten“ Ausdruck verleiht. Was also zeichnet die rechtspopulistische Männerherrlichkeit aus?

1. Keine Parteipolitik:

Man will sich weder mit den demokratischen „Parteibonzen“ noch mit rechtsextremen „Polit-Soldaten“ vergleichen lassen. Mit den Interessen der „Etablierten“ habe man nichts zu tun. Die Männer von „Pro Deutschland“ und „Die Freiheit“ wollen nicht als hochgestochen daherredende „Schwätzer“ verstanden werden, sondern als einfache Vertreter des Mittelstandes. Sie suggerieren, es gebe einfache Lösungen für die von ihnen angesprochene „Misere“, man müsse sie nur mal „ans Ruder“ lassen. Die Mitglieder des Bundesvorstandes von „Die Freiheit“ haben denn auch besonders machtvolle Männer zu ihren politischen Vorbildern erkoren: Winston S. Churchill, Rudolph Giuliani, Helmut Schmidt, Ludwig Erhardt.
Die Abgrenzung der rechtspopulistischen Organisationen gegenüber „Parteipolitik“ wird u.a. über geschlechtliche Zuschreibungen erreicht.

2. Rassistischer Sexismus:

Europäische Aufklärung und Demokratie werden in Stellung gebracht gegen einen als sexualfeindlich dargestellten Islam. Gleichzeitig wird der eigene Sexismus und Antifeminismus in den Dienst eines antimuslimischen Rassismus gestellt. So bemängelte der „Pro NRW“-Vorsitzende Markus Beisicht, dass es eine „besondere Berücksichtigung des Ramadans für muslimische Schüler“ gäbe, während ein christlicher Vater strafrechtlicher Verfolgung ausgesetzt wurde, weil er seine Tochter vom Sexualkundeunterricht, „der im Zeichen des Gender-Wahnsinns zum Teil schon bedenkliche Züge“ annehme, fernhielt. Es wird suggeriert, der Staat messe mit zweierlei Maß und würde Muslime schonen, während er klerikale Christ/innen verfolge.

3. Familienpolitik:

Zentrales Motiv rechtspopulistischer Darstellungen ist der angeblich drohende „demographische Wandel“. Folgerichtig konzentrieren sich die vereinfachenden Lösungsansätze oft auf die Förderung von als deutsch angesehenen Familien und Kindern. Bei „Die Freiheit“ beispielsweise setzt man sich „für den Schutz des ungeborenen Lebens“ ein und fordert „einen kinderabhängigen Rentenzuschlag für Eltern“, was eine Betrachtung von Kindern als Humankapital offenbart.
Rechtspopulistische Männlichkeitsvorstellungen werden meist durch tradierte Vorstellungen von der klassisch heterosexuellen Familie geäußert.

4. Männliche Tabubruchmentalität:

Ähnlich wie rechtsextreme Akteure sehen sich die meist männlichen Protagonisten rechtspopulistischer Organisationen in der Rolle des „Tabubrechers“. Dabei wird zunächst ein „Tabu“ konstruiert, d.h. ein Sachverhalt, über den ein vermeintliches Rede- und Denkverbot verhängt wurde. Angeblich gebe es eine „politische Korrektheit“, der jede/r zum Opfer fiele, der/die sich gegen das vermeintliche „Tabu“ richte. Es fällt auf, dass besonders Männer den Gestus des unerschrockenen Mahners für sich in Anspruch nehmen.

5. Abwehr des „Weiblichen“:

Viele Männlichkeiten zeichnen sich durch ein tradiertes Geschlechterrollenbild aus. Die Annahme, Frauen hätten in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft nichts zu suchen, ist auch heute noch weit verbreitet. In den persönlichen Vorstellungen auf der Homepage der Partei nannten die Mitglieder des Bundesvorstands von „Die Freiheit“ auf die Frage nach ihren politischen Vorbildern ausschließlich männliche Personen. Und Felix Strüning, Schriftführer der Partei, erklärte auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm, dass er „Heldenfilme“ bevorzuge, weil er sich „mit dem Bild verweichlichter Männer als Loser nicht identifizieren“ könne. Schließlich werde man „Mensch […], wenn man für etwas einsteht.“
Die Geschlechterdualität funktioniert nur durch komplementäre Zuschreibungen und Gegensatzpaare. Alles „Weibliche“ muss als passiv abgelehnt werden, während „männlich“ mit Aktivität assoziiert wird. Rechtspopulistische Männlichkeit kennt daher typisch „männliche“ Zuschreibungen für Helden und Politiker.

6. Krisenrhetorik:

Bedrohungsszenarien bilden das Fundament rechtspopulistischer Politik. Ohne die wiederholte diskursive Herstellung der „Krise“ – Islam, Gender Mainstreaming, Jugendkriminalität usw. – geht im Rechtspopulismus nichts. Denn nur so kann das eigene Handeln legitimiert werden. Schließlich sei nur die jeweils eigene Gruppierung in der Lage, jene „Krise(n)“ zu überwinden. Die Feststellung einer vermeintlichen Krise der Moderne hat historische Kontinuität. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Frauen in verschiedenen Ländern Europas zunehmend ihre Rechte wie die aktive Teilnahme an Wahlen oder den Zugang zu Hochschulen einforderten, konstatierten Teile des nationalistischen Spektrums bereits den bevorstehenden „Untergang des Abendlandes“.
Das Gerede von der permanenten „Krise“ dient dem Rechtspopulismus als Legitimationsstrategie für die Artikulation der eigenen Ideologie.

Trotz verschiedener Ähnlichkeiten von Maskulinität im Rechtspopulismus mit dem rechtsextremen Männlichkeitsideal, sei vor einfacher Gleichsetzung gewarnt. Ist für den Rechtsextremismus ein tradiertes Geschlechtermodell handlungsleitend, gibt sich der Rechtspopulismus auf den ersten Blick offen und modern. Tatsächlich aber verbirgt sich hinter der „aufgeklärten“ Fassade eine zutiefst patriarchale Mentalität.